Keine Dialogkultur

Zur Verantwortung der AZ für einen demokratischen Dialog:

Ein Teil der Leserbriefe, die auf den Artikel der AZ vom 21.4.2010 „Im Visier des Staatsschutzes“ (gezeichnet tm) folgen, ist erschreckend. Am 24.4. meint in einem Leserbrief N. Blazytko, Eckehard Niemann habe einen „Tritt in den Allerwertesten“ verdient, „vielleicht sollte man aber auch nur sein Auto besprayen“. Das ist ein Aufruf zu körperlicher Gewalt, der in keinem Verhältnis mehr steht zu der Graffiti Aktion von Eckehard Niemann.

Die AZ hat mit ihrer Berichterstattung vom 21.4. solche Reaktionen provoziert. Der Titel „Im Visier des Staatsschutzes“ könnte aus der Zeitung mit den großen Buchstaben stammen. Im Text ist von Farbschmierereien die Rede, „auch der Staatsschutz wird eingeschaltet, ‚weil wir' (so wird der Polizeisprecher zitiert) ‚von einem politisch motivierten Delikt ausgehen'. Die Polizeiführung sieht den Vorfall längst nicht so dramatisch.

Am 24.4. ist die Sprache der AZ wieder sachlicher: Die Rede ist von „Graffiti-Aktion“, nicht mehr von „Farbschmierereien“, und auch nicht mehr vom „Staatsschutz“. Scheinbar schreckt man vor den Folgen der anfangs martialischen Sprache (Aufruf zu Gewalttätigkeiten, Beschimpfungen und Verunglimpfungen im online-Teil der Leserbriefe) nun zurück.

Die AZ hat als Monopolzeitung im Landkreis Uelzen und darüber hinaus eine große Verantwortung. Sie sollte nicht lostreten, was nachher nur schwer zu bändigen ist. Wie wäre es stattdessen mit einem öffentlichen Forum zu den Sachverhalten, um die es Eckehard Niemann gegangen ist: Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einiger prominenter Bürger der Stadt in der Nazizeit? Oder auch mit der Frage, weshalb in Uelzen noch immer Stolpersteine vor den Häusern fehlen, aus denen jüdische Bürger vom Staatsschutz der Nationalsozialisten in die KZs deportiert wurden? (Stolpersteine finden sich heute in rund 530 deutschen und europäischen Städten einiger Nachbarländer von den Niederlanden bis zur Ukraine. Sie sind ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnik und erinnern an die Deportation von Juden während der Nazizeit aus der Mitte der Gesellschaft).

Demokratie lebt nicht nur von allgemeinen Wahlen im Vierjahresrhythmus. Sie braucht vor allem einen öffentlichen demokratischen Dialog, der tolerante, respektvolle und sachkundige Diskussionen ermöglicht. Die Berichterstattung der AZ vom 21. April war diesem Dialog nicht förderlich, das zeigen einige der Leserbriefe online und in der Zeitung auf erschreckende Weise. Dort wird geschimpft, verunglimpft und gedroht, aber nicht argumentiert (siehe anonym „Der Uelzer“ , „ichauch“ und „prollus“ im Internet sowie der bereits zitierte Beitrag von Blazytko in der Leserbriefspalte der AZ vom 24.4.). Es fällt auf, dass im Internet nur die ihren Namen nicht nennen, die schimpfen, drohen, herabsetzen und verunglimpfen. Die Leser, die sich um Argumente bemühen, nennen sämtlich ihren Namen. Es ist, so meine ich, schlechter Stil, anonyme Zusendungen als Leserbriefe zu veröffentlichen, und sei es im Internet. Einer Dialogkultur ist das nicht förderlich.

Eine letzte Bemerkung: Herr Rath, bitte achten Sie darauf, dass die AZ ihre Verantwortung zur Belebung und Erhaltung einer demokratischen Gesellschaft wahrnimmt - nicht allgemein, sondern konkret in Stadt und Landkreis Uelzen. Das vorgeschlagene öffentliche Forum sollte daher kein virtuelles im Internet sein, sondern ein reales, bei dem sich die Leute in die Augen schauen können, wenn sie miteinander diskutieren.

Werner Fricke,

Wieren

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