Wie eine frühere Uelzenerin ihre Heimatstadt bei einem Kurzbesuch erlebt

„Ich bin geflasht“

Schnappschuss von Ute Stolle beim Uelzener Seniorenkino – ein Angebot, das seinesgleichen sucht. Foto: privat

Sie besuchte die Theodor-Heuss-Realschule, die Höhere Handelsschule und die Fachoberschule Wirtschaft in Uelzen, bevor es sie im Jahr 2003 nach Hannover verschlug: Die Uelzenerin Ute Stolle schildert hier, welche Eindrücke sie bei einem Besuch in ihrer alten Heimatstadt sammelte.

Ein verregneter Montag vor den Toren einer norddeutschen Kleinstadt, keine beruflichen Verpflichtungen, eine geplatzte Verabredung, zu Besuch bei der kürzlich 77 Jahre alt gewordenen Mutter, die fitter und agiler ist als manch 50-Jährige, und die spontane Idee, die gerade frei gewordene Zeit mit der Frau Mama und ihren Freundinnen zu nutzen, um sie ins Seniorenkino zu begleiten.

Kurze Überlegung vorab, ob man überhaupt hinein kommt ins Kino, wo doch das eigene Alter so völlig vorbei geht an der momentanen Rentnergeneration... Lange dauert es nicht, bis man sich in der Kleinstadt den Weg bis zum Kino gebahnt und auch sofort einen Parkplatz gefunden hat – ohne überhaupt zu suchen, was sicherlich ein Hinweis darauf ist, dass das Kino vielleicht gar nicht so gut besucht sein wird, denke ich. Aber, weit gefehlt! Schon vor der Tür ein Silberstreif an weißen Köpfen und kaum hat man das Kino betreten, wächst die Verwunderung nur noch weiter. So voll habe ich das Kino selten gesehen. Es kann daran liegen, dass ich hier nicht mehr so oft ins Kino gehe, da ich ja mittlerweile in der Landeshauptstadt wohne. Vielleicht ist es hier immer so voll? So oder so, ich bin überrascht. Munkelt man nicht immer, dass Uelzen nichts oder nur wenig zu bieten hat? Und nun wartet ausgerechnet die Rentnerfraktion mit einem Highlight und ungeahnter Aktivität auf. Die sind hier nämlich auf Zack und zahlreich erschienen. Ich bin geflasht! Statt Amphetaminen, die gestern im TV-Krimi an die Discobesucher verteilt wurden, wird auf dieser Party Kaffee und Kuchen gereicht, den man mit in den Saal nehmen darf. Beim Preis von sechs Euro für diesen Spaß kippe ich fast aus den Latschen – nein, hier trägt nicht wirklich irgendjemand Latschen, ganz im Gegenteil: Die meisten haben sich für dieses Ereignis auch noch recht adrett zurecht gemacht. Ganze sechs Euro für den Filmnachmittag, – Frau Böhm, Heldin des Kino- Imperiums, und ihre Helfer seien gepriesen! Das muss in einem anderen Zeitalter gewesen sein, als ich das letzte Mal einen solchen Preis für einen Kinobesuch bezahlt habe.

Die nächste Überraschung folgt beim Betreten des Saals. 340 Plätze hat Kino 1 und ich dachte, der Saal wird vielleicht halb voll sein, aber auch hier Fehlanzeige meiner Vorannahme! Im großen Kino sind, soweit ich das überblicken kann, nur wenige Plätze nicht besetzt. Meine Begeisterung muss ich sofort teilen. Schnell noch ein Selfie mit meiner Rentnerkleingruppe schießen, sonst glaubt mir am Ende niemand, was ich für einen überraschend aufregenden Nachmittag hatte. Ich überlege, ob es so fabelhafte Veranstaltungen für Rentner eigentlich auch in unserer „ach so modernen“ Landeshauptstadt gibt und kann mich nicht erinnern so einer tollen Idee schon mal begegnet zu sein...

Gesamtfazit: Was für ein überraschend gelungener Nachmittag in Uelzen. Wer hätte das gedacht und für möglich gehalten in einer Kleinstadt, über die selbst im Radio gern mal hergezogen wird. Völlig zu unrecht, wie sich herausstellt und ausgerechnet London gibt mir recht: Direkt nach Ende des Films drei „Likes“ allein aus London für mein Selfie vom Senioren-Kinonachmittag mit Kaffee und Kuchen in einer Provinzkleinstadt.

Vorurteile müssen anscheinend immer mal wieder überprüft und in Frage gestellt werden. Vielen Dank, Uelzen, für so tolle Events!

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