Leserbrief

Hartz IV ist Armut

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Das in der Schlange stehen müssen an der Tafel ist für AZ-Leser Wolfgang Brehm Armut. Genauso wie die fehlende Teilhabe am sozialen Leben.

Zur vom Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) getätigten Äußerung, das Hartz IV keinesfalls Armut für die Empfänger bedeute, schreibt AZ-Leser Wolfgang Brehm aus Jastorf:

„Hartz IV bedeutet nicht Armut.“ Tja, in Deutschland streift niemand mit einem Hungerbauch durch die Heide und sucht Nahrung, aber man durchforstet Mülleimer nach Pfandflaschen und plündert Supermarkt-Container. Wie definiert man Armut, woran misst man sie und vor allem wer misst?

Sandra S. hat mit ihrer Petition „Herr Spahn, leben Sie nur einen Monat von Hartz IV“ inzwischen knapp 160 000 Unterschriften gesammelt, und das in wenigen Tagen. Es wird augenscheinlich von vielen Bürgern so gewünscht. Abgesehen davon, dass der werte Herr Spahn der Forderung wohl nicht nachkommen wird, was würde die Aktion wirklich nützen? Reicht es, nur einen Monat lang von Hartz IV zu leben, um den Umfang dieser Situation in vollem Umfang zu erkennen?

Man möge mich für verrückt halten, aber wirkliche Existenzängste wird Herr Spahn in vier Wochen Armut nicht bekommen. Er wird keine Angst vor dem Briefkasten haben, könnten doch wieder Mahnungen, Rechnungen und ähnliches darin sein. Er wird nicht alle zehn Minuten die Kühlschranktür öffnen, um nachzuschauen, ob er nicht doch etwas Essbares übersehen hat. Es wird ihn nicht kratzen, kein Geburtstagsgeschenk für seine Frau kaufen zu können, kann er es doch später nachreichen.

Nein, ein ganzes Jahr sollten Menschen, die solche Dummheiten von sich geben, von Hartz IV leben, in einer entsprechenden Wohnung und Umgebung. Was ist Armut? Nicht am sozialen Leben teilnehmen zu können, Depressionen zu haben, von Angst, Sorgen und Schlaflosigkeit gebeutelt zu sein und nicht zu wissen, wie man seine Kinder und sich selbst satt bekommen soll, das ist Armut. Freunde zu verlieren, weil man zu keiner Geburtstagsfeier gehen kann, ist es doch unmöglich ein Geschenk zu besorgen und vieles andere mehr. Von der Gesellschaft geächtet zu sein, als fauler Versager hingestellt zu werden, das ist Armut! Ja, und auch an der Tafel in der Schlange stehen müssen ist Armut.

So etwas kann man in einem Monat Hartz IV nicht erfahren, aber ein gesunder Geist, ein gesunder Geist, Herr Spahn, der kann es sich zumindest vorstellen. Ach, wenn ich nur reich wäre, ich würde jedem Hartzer gern 1000 Euro schenken. Aber dann würde sein Satz wieder gekürzt werden... Finde den Fehler!

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