Hamburgs Schlafzimmer

Borvin Wulf äußert seine Meinung zum AZ-Artikel „Ilmenausee als Katalysator“ (19. Oktober):.

„Uelzen am Scheideweg“ und „Uelzen schlägt eine bedenkliche Richtung ein“, lauteten – per Schulterschluss – die Warnsignale von Uelzens Stadtrats–gruppe CDU/Grüne/UWG. Um aber auch einen positiven Kontrapunkt zu setzen und eine Orientierung, wer und was Uelzen perspektivisch aus dem Jammertal führen könne, hatte man auf der Einladung für den Besuch des Hotels „Deutsche Eiche“ frei und unerschütterlich auch noch die Botschaft hinzugefügt, „Uelzen 2020 – Unser Weg in die Zukunft“.

Die Zukunftsbotschaft, garniert mit der Vision, parallel zur Mühlenstraße einen Ilmenausee aus dem Boden zu stampfen, hörte sich – zugegeben – cool an. Das Kreishaus solle man am besten abreißen und an dessen Stelle eine grüne Lunge schaffen, auf dass junge Menschen nicht abwandern, in Uelzen bleiben und Auswärtige deswegen gerne nach Uelzen kommen. Ob Architekt Stefan Thieme, in Uelzen wohnhaft aber in Flensburg arbeitend, immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel da wohl an die Flensburger Förde gedacht hat? Einfach die Ufer der Ilmenau fluten, ne Promenade drumherum, und das sei’s? Der Glaube an diese frohe Botschaft blieb bei manchen Besuchern, zumindest auf den hinteren Plätzen, allerdings schon deshalb vielfach auf der Strecke, weil bereits die Akustik im Veranstaltungssaal im Argen lag. Ohne Mikrophon verstand manch Einer in dem knüppeldick vollgepfropften Saal manches nur schwer oder gar nicht.

Uelzens Baudezernent meinte im Nachhinein denn auch, angesichts dieses Gedankenspiels sei Freude bei ihm aufgekommen, „weil diese Themenbereiche wieder mal aufgewärmt“ worden seien. Das klang denn doch eher nach aufgewärmtem kalten Kaffee. Soweit zum Atmosphärischen. Wobei noch hinzu kam, dass denjenigen Besuchern, die sich mit kritischen Wortbeiträgen meldeten, vom Moderator des Abends mehrfach das Wort abgeschnitten wurde. Das gehöre nicht zum Thema, so Thieme. Darüber wolle man nicht reden. Punkt. Reden wolle man z. B. darüber: Für Berufsfernpendler nach Hamburg sei es völlig normal, eine oder zwei Stunden Anfahrtszeit zu haben. So lange brauche man auch innerhalb von Hamburg. Frage: Ist das Lebensqualität á la Uelzens CDU/Grüne/UWG? Schon mal was davon gehört, dass langes Pendeln zur Arbeit mit ständigen Autostaus vor dem Nadelöhr Hamburg, oder häufige Verspätungen mit der Bahn auf Dauer stresst und sogar krank machen kann!? Wieso Themen wie „Wertschöpfung“ aus Arbeit von Berufspendlern zwischen Uelzen und Hamburg, d. h., ob ein Großteil der Wertschöpfung in der boomenden Stadt Hamburg verbleibt, oder ob es nicht verantwortungsbewusster und zielführender sei, in Uelzen neue Arbeitsplätze zu schaffen, damit hier die Wertschöpfung stattfindet, oder die Frage, was zukunftsträchtig daran sei, in dem geplanten Marktcenter, wenn es denn überhaupt komme, einen riesigen REWE-Lebensmittelmarkt und einen bombastischen MediaMarkt entstehen zu lassen, wo doch ein sehr gut sortierter großer REWE-Markt in nur 600 Meter Entfernung bereits vorhanden sei; sinngemäß das gleiche gelte auch für Euronics mit seiner Riesenauswahl und einem erstklassigen Fachberatungsservice, wieso diese Teilaspekte bzgl. Uelzens Zukunft nicht angesprochen werden sollten, blieb leider offen.

Da versteckte sich Thieme lieber hinter Floskeln wie, „Uelzen müsse nicht nur das Schaufenster fürs Wendland, sondern auch das Wohnzimmer für Hamburg sein“. Ob Uelzen angesichts solcher Perspektiven und dank einer eventuellen A 39 nur noch zu Hamburgs Schlafzimmer verkommt, und wie die Vision von der „Ilmenaustadt Uelzen“ finanziert werden soll, wurde an diesem Abend leider auch nicht zum Thema gemacht. Aber weitere Bürger-Mitnahmeabende der Gruppe sollen ja noch folgen. Volle Fahrt also voraus?

Borvin Wulf,

Suderburg

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