Erst in Veerßen Freundeskreis gefunden

Yvonne Rabe zeigt auf, was eine Schließung der Veerßer Grundschule für Sie und ihren Pflegesohn bedeutet.

Allen, die sich mit dem Gedanken tragen, die Schließung der Grundschule in Veerßen zu bestimmen, möchten wir hiermit aufzeigen, was es für uns als Familie bedeutet. Die Geschichte eines Jungen, der seit wenigen Tagen die Sprachheilklasse in Veerßen besucht:

2004 wurde in Uelzen ein schwerbehinderter Junge geboren. Die Grunddiagnose heißt Alkoholembryopathie (FAST-SYNDROM). Aufgrund dessen, leiteten sich unzählige Folgediagnosen ab. Dazu kam, dass beide Elternteile nicht in der Lage waren, ihr Kind anzunehmen und es zu versorgen. Er kam in eine Pflegefamilie, die oft mit ihm zu Operationen musste.

Er entwickelte sich besser, als die Prognose hergab. Er lebte in Sachsen-Anhalt und ging dort, 30 Kilometer entfernt vom Elternhaus, in einen integrativen Kindergarten. Dadurch konnte für ihn eine gute Förderung gewährleistet werden, aber Sozialkontakte zu anderen Kindern waren aufgrund der Entfernung nicht gegeben. Er konnte sich keinen Freundeskreis aufbauen. Die Besuche bei anderen Kindern mussten geplant werden und waren mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Aber es gab auch immer wieder Eltern, die einen Umgang mit ihm unterbanden. Vielleicht aus Unsicherheit?

Die Kinder mochten ihn eigentlich, auch wenn sie seine Sprache nicht verstanden. Er war freundlich und aufgeweckt und versuchte, durch Gesten mit ihnen zu kommunizieren. Das letzte Kindergartenjahr durfte er, nachdem ich als Pflegemutter länger darum kämpfen musste, im Sprachheilkindergarten „Wilde Wiese“ der Lebenshilfe Uelzen gGmbH verbringen. Die Förderung war optimal. Die Schulfrage stand an und ich besuchte mit ihm in Uelzen drei Schulen, wo er aufgrund seiner Behinderung abgewiesen wurde. Von der kognitiven Leistung war er einem Grundschulniveau zuzuordnen. Die Sprachheilklasse Veerßen schien die optimalste Lösung zu sein. In Sachsen-Anhalt gibt es zwei Sprachheilklassen – weit von unserem Haus entfernt. Deshalb war das keine Option. Ich kämpfte darum, dass er nach Veerßen darf, auch wenn wir in Sachsen-Anhalt wohnten.

Es gab keine positive Antwort. Daraufhin fasste ich den Entschluss, nach Veerßen zu ziehen. Ein Dreivierteljahr suchte ich für die Familie und zwei Pflegekinder ein geeignetes Mietobjekt, obwohl wir sehr zufrieden waren, wo wir lebten. Die Kinder mussten ihr geliebtes Zuhause verlassen. Dennoch war es für den Jungen sehr lohnenswert, denn endlich konnte er in Veerßen Sozialkontakte zu Nachbarskindern und Kindergartenkindern und jetzt zu Schulkindern knüpfen. Er ging Freundschaften ein und es war zum ersten Mal möglich, Spontanbesuche gegenseitig zu ermöglichen. Er liebt es!

Nachdem ich ihm vorlas, dass eventuell seine Schule schließen muss, fragte er zuerst, ob seine Freunde dann noch da sind. Das musste ich verneinen. Er wurde erst traurig und dann sehr wütend und trat mich und bezeichnete mich als Lügnerin. Schließlich war ich es, die ihm versprochen hatte, dass, wenn er nach Uelzen zieht und in diese Schule geht, endlich Freunde vor Ort hat. Ich muss zugeben, ich verstand seinen Ausbruch und frage mich seit dem Artikel in der Allgemeinen Zeitung, ob überhaupt über persönliche Schicksale nachgedacht wurde. Es trifft schließlich viele Kinder und Lehrer und deren Familien. Ich wollte mit meinem Sohn zur Demo am Sonnabend vor dem Rathaus gehen, aber er liegt mal wieder im Krankenhaus. Seine Freunde waren ihn schon besuchen. Freunde, die in Veerßen leben und dort zur Schule gehen ...

Yvonne Rabe,

Uelzen

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