Leserbrief

Emotion macht Fußball aus

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Der Trainer Roger Schmidt (Mitte) vom Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen wurde am Wochenende auf die Tribüne geschickt. Christoph Palesch aus Ebstorf verteidigt ihn.

Zu unserer Berichterstattung über die Fußballbundesliga (AZ vom 24. Oktober) schreibt Christoph Palesch aus Ebstorf:

Marco Haase schreibt in seinem „Pfiff der Woche“ zu Bayer Leverkusens Trainer und „Wiederholungstäter“ Roger Schmidt. Schmidt bezeichnete, für alle gut zu hören, seinen Trainerkollegen Julian Nagelsmann als „Spinner“ und rät ihm, „die Schnauze zu halten“. Wie man hier direkt von einer „groben Unsportlichkeit“ sprechen kann, ist mir schleierhaft. Eine grobe Unsportlichkeit ist für mich eine Ohrfeige, Spucken oder eine ernste Beleidigung. Aber das Wort „Spinner“ ist bei aller Liebe doch keine grobe Beleidigung. Auch geht es überhaupt nicht darum, dass „derartige Beleidigungen“ zum Fußball dazugehören, sie gehören nirgends fest dazu. Es geht um Emotionen am Spielfeldrand und auf dem Platz. Und wenn man seinen Trainer gegenüber beim Spielstand von 0:2 „Spinner“ nennt, weil dieser ständig Pfiffe fordert, dann ist das nicht nett, aber auch keine apokalyptische Katastrohe. Und wenn der Trainer gegenüber alles und jede Szene kommentiert, und man dann irgendwann genervt und unter Druck oder sogar gefrustet sagt: „Halt doch mal den Sappel!“, dann ist das auch nicht die Empfehlung des Knigge, aber auch nicht der Grund für den Gang zum Schafott. Und dass es kein Drama ist, beweist sogar Nagelsmann, in dem er nach dem Spiel sagt, dass das Thema für ihn längst erledigt sei.

Diese Emotionalität ist es nämlich dann auch, die den Fußballsport ausmacht und für Attraktivität sorgt und nicht, wie Herr Haase meint, das Gegenteil bewirkt. Auch kann man das Argument der fehlenden Vorbildfunktion von Schmidt kaum erkennen. Was hat er denn bitte so unfassbar schlimmes getan? Die Worte „Spinner“ oder der Satz „Halt die Schnauze“ sind sicher nicht die feine Art, kommen aber so ganz sicher mehrfach in der Woche in jeder Grundschulklasse vor. Man tut ja hier fast so, als säßen siebenjährige verstört vor dem TV-Gerät, wenn sie Roger Schmidt hören. Keine Sorge, da gibt es andere Dinge, die die Jugend mehr gefährden. (...) In meiner Zeit als Trainer habe auch ich die Erfahrung machen müssen, dass das gesprochene Wort scheinbar „weggezüchtet“ werden soll. „Haltet bloß die Schnauze“ (oh, grobe Beleidigung), sagt man als Trainer seinen Spielern vor dem Spiel. Für einen ausgesprochenen Zweifel am Pfiff des Schiedsrichters sieht man eher die gelbe Karte als für ein Foul. Ich weiß nicht, ob diese Entwicklung so gewollt ist? Ich dachte immer, dass bewusste Foulspiel wäre unfair.

Ich will Roger Schmidt hier nicht in Schutz nehmen, warum auch?. Auch bin der Meinung, dass der Verweis absolut regelkonform war und man das so nicht sagen sollte. Dass aber ein riesen Fass deswegen aufgemacht wird, ist ein Witz. (...)

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