Leserbrief

Eine volkstümliche Gaukelei

Leserbrief zu „Der Kaiser kommt!“ , AZ vom 10. Juli:

Hurra, „der Kaiser“ kommt! Bad Bevensen wird wieder von Wilhelm I. heimgesucht. Majestätisch schreitend, huldvoll lächelnd und gnädig winkend wird Majestät seine Untertanen betören. Mit Rauschebart und großväterlichem Charme wird dem Volk der gerechte, sorgende und volkstümliche Monarch vorgegaukelt. Allerdings ist das ein geschichtlicher Anachronismus. Schon als Prinz von Preußen hatte Wilhelm sich einen, wenn auch zweifelhaften, Namen gemacht – als Kartätschenprinz hatten ihn die Berliner und die deutschen Revolutionäre von 1848 in unguter Erinnerung. Wilhelm war es, der im März 1848 darauf gedrängt hatte, die Kanonen gegen das aufständische Volk zu richten. Über 120 Tote hatte das brutale Vorgehen der preußischen Armee gefordert. Als Folge davon zog es Wilhelm dann auch vor, vor seinem Volk nach London zu fliehen. Zurückgekehrt qualifizierte ihn seine barbarische Haltung für den Oberbefehl der preußischen Interventionstruppen, die das letzte Aufflackern der 1848er-Revolution in Baden und der Pfalz blutig niederschlugen. Unter anderem wird die Stadt Rastatt belagert und die Bevölkerung – Männer, Frauen und Kinder – ausgehungert. Zwanzig Revolutionäre lässt Wilhelm standrechtlich erschießen. Eine andere Großtat Wilhelms war die Berufung von Otto von Bismarck als Kanzler. Bequemerweise, da Wilhelm mit besonderen Geistesgaben nicht gerade gesegnet war, überließ er die Regierung fast ausschließlich dem machtsicheren Bismarck. Wilhelm beschränkte sich auf gelegentliche Einwände von moralisierendem Eigensinn. Bismarcks außenpolitisches Geschick und seine innenpolitischen Winkelzüge konnte Wilhelm im Detail nie nachvollziehen. Unter vorgehaltener Hand sprach man bei Hofe auch vom gekrönten Trottel. Ernst Engelbert, Historiker und Bismarck-Biograph, beschreibt es treffend: „... drei Kriege, drei Siege, dreimal gefeiert ein tumber Tor“. Begleitet wird der Bad Bevenser Kaiserbesuch von klingendem Spiel und der Reanimation der Illusion vom schönen Soldatenleben im bunten Rock. Welch’ Irrtum! Entrechtet und zu mehrjähriger Dienstzeit wurden die jungen Männer in die Kasernen eingezogen. Stumpfsinniger Drill, abwechselnd mit gähnender Langeweile, bei mangelhafter Verpflegung, geringem Sold und demütigender Behandlung kennzeichneten das schöne Soldatenleben. Der Begriff Menschenführung war gänzlich unbekannt. Es ging ausschließlich darum, den Soldaten auf einen frisch-fröhlichen Krieg, wie man damals mit aristokratischer Nonchalance zu sagen pflegte, vorzubereiten. Wer aber das Pech hatte auf dem Felde der Ehre verwundet zu werden, dem drohte ein erbärmliches Schicksal. Unzureichende medizinische Versorgung und fehlende Unterstützung bedeuteten für die Invaliden ein Leben in Armut und Elend. Gleiches galt für die Hinterbliebenen von gefallenen Soldaten. Auch hier mangelhafte oder völlig fehlende Hilfe und Unterstützung für die Angehörigen. Hunger und Not bestimmten dann die weitere Zukunft. Der Dank des Vaterlandes war unbekannt. Über diese Tatsachen täuscht auch kein noch so lautes Tschingderassa-Bumm, albernes Säbelgerassel oder die, von jeglicher objektiver Geschichtsanalyse befreite, emotional verklärte Erinnerung hinweg. Offenbar steckt in vielen Menschen die Lust an der Verkleidung, die Lust an der Annahme einer anderen Identität. Ob nun aber ausgerechnet Wilhelm I. die richtige Person zur Auslösung der verspäteten Karnevalssaison in Bad Bevensen ist, diese Frage sollten sich die Akteure immer dringender stellen. Etwas Einsicht und die Akzeptanz der tatsächlichen Verhältnisse und Zusammenhänge würde ihnen dabei außerordentlich helfen.

Joachim B. Meyer, Uelzen

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