Eine ökologische Frage?

Die Gegner der A 39 führen das Argument der Umweltverschmutzung an, dabei steigt der Verkehr auch ohne Trasse im Nordosten Niedersachsens schon stetig, meint Jörg Rittinghaus. Foto: privat

Leserbriefe zur Diskussion um den Bau der A 39 und zu dem Artikel „Nachwehen der Einigung“, AZ vom 12. Februar:.

Es gibt wohl kein Land, in dem das Umweltbewusstsein einen höheren Stellenwert hat als in Deutschland. Dadurch wurden Entwicklungen realisiert, wie die Energiewende, die bereits jetzt eine erhebliche Verringerung der Schadstoffbelastungen in unserem Land bewirkt haben. Auch wenn infrastrukturelle Bauprojekte, wie Autobahnen, durch Demonstrationen, Behinderungen und juristische Verfahren verzögert oder gar verhindert werden, erhalten die Akteure in den Medien per se die Ehrenbezeichnung „Umweltschützer“.

Sind die A-39-Bekämpfer die profiliertesten Umweltschützer oder wirken Autobahnverhinderer ökologisch kontraproduktiv? Kein anderes EU-Land liegt so zentral wie Deutschland. Es grenzt an neun andere EU-Ländern und muss den Verkehr aus allen Himmelsrichtungen aufnehmen. Das führte schon im Jahr 2002 zu einer Gesamtstaulänge von 321 000 Kilometern auf den deutschen Autobahnen. Laut einer Studie der BMW-AG summierten sich damals die staubedingten Kosten auf 100 Milliarden Euro pro Jahr. Das gesamte Autobahn- und Fernstraßennetz machte nur 0,17 Prozent der Fläche des Bundesgebietes aus, aber ein Drittel der gesamten Fahrleistungen wurde darauf abgewickelt. Inzwischen ist das Autobahn- und Fernstraßennetz nicht wesentlich erweitert worden, aber die Gesamtstaustrecke auf den besagten Verkehrswegen ist laut neuester ADAC-Forschung auf 595 000 Kilometer angewachsen.

Wenn man die ökonomischen Kosten unberücksichtigt lässt und nur die ökologische Relevanz betrachtet, ist von einer sich Jahr für Jahr steigernden enormen Umweltbelastung auszugehen. Durch Staus und im stop-and-go-Verkehr muss zum Teil vom doppelten Kraftstoffverbrauch – vor allem beim Schwerlastverkehr – gegenüber gleichförmigen Geschwindigkeiten ausgegangen werden.

Die Bezeichnung „A 39-Gegner“ ist völlig unzureichend, denn in bestimmten politischen Kreisen werden schon seit Jahrzehnten alle Autobahnprojekte massiv bekämpft – zurzeit sind es vornehmlich die A 44, A 10, A 20 und A 39 – da wird Umweltbewusstsein zum ökologisch kontraproduktiven Ökologismus. Der Vorschlag eines Professors aus Lüneburg, statt des relevanten Teilstücks der A 39 die B 4 zu einer 2+1-Streckenführung auszubauen, kann man als „Stauförderungskonzept“ bezeichnen. Es berücksichtigt nicht den wesentlich ansteigenden Verkehr auf der Achse Südosteuropa – Hamburger Hafen – Skandinavien, der sich zurzeit über die B 4 oder die rund 60 Kilometer längere Autobahnstrecke A 2 (stark staugefährdet) – Hannover Ost – A 7 quält und damit einen wesentlich höheren Kraftstoffverbrauch nebst Schadstoffbelastungen bedingt. Ein 1+2-Ausbau der B4 wäre nicht nur unzureichend, sondern würde als Neuplanung mit vielen Ortsumgehungen erheblich mehr Zeit bis zur Fertigstellung erfordern, als das durchgeplante Teilstück der A 39. In einem derart bedeutenden ökologisch – ökonomischen Bereich müssen wir von populistischen Plattitüden wie „Nonsens Autobahn, Autobahngläubigkeit“ abkommen und interdisziplinäre Fachkompetenz für politische Entscheidungen zugrunde legen.

Jörg Rittinghaus,

Schlieckau

Aus Uelzer Sicht könnte man glauben, dass die neue Koalition in Hannover nur das eine Thema kennt: die A 39. Dann wäre zu fragen, warum sind die nur unter eine Decke gekrochen, wenn sie sich doch nicht einig sind? Wenn die Tinte unter dem Koalitionsvertrag trocken ist, wird man einen Satz vergeblich suchen: „Up ewig ungedeelt“. Das haben die beiden Partner nicht im Sinn. Man hat den Vertrag für fünf Jahre geschlossen. Ich habe an sich kein Verständnis für den Wunsch der SPD nach mehr Beton in der Landschaft. Aber einen Funken Verständnis habe ich doch, dass aus deren Sicht die Hoffnung gehegt wird, irgendwann einmal mit alten Zielen neu antreten zu können. Dann müssten aber auch die alten Fragen nach Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit der A 39 neu gestellt werden. Die Zahlen aus dem Bundesverkehrswegeplan, die ich mir aus Berlin geben lassen habe, lassen kaum hoffen: Da ist die Rede vom „vordringlichen Bedarf“. Hier hat Niedersachsen für knapp zwanzig Straßenprojekte 750 Millionen beantragt. Umgesetzt werden könnte für 2013 ein Zehntel, für 2014 –2016 jeweils weniger als fünf Prozent. Man braucht keine grüne Brille aufzusetzen, um festzustellen, dass der Bundesverkehrswegeplan auch im angeblich vordringlichen Bereich hoffnungslos überzeichnet ist. Oder anders ausgedrückt: So wird das nichts.

Dietrich Wiedemann,

Uelzen

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