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„Eine neue Schule löst keine Probleme“

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„Schulabgängern fehlen schon heute grundlegende Kompetenzen“, schreibt AZ-Leser Alexander Thieme aus Uelzen.
„Schulabgängern fehlen schon heute grundlegende Kompetenzen“, schreibt AZ-Leser Alexander Thieme aus Uelzen. © dpa

Zum AZ-Artikel „Elternräte gegen IGS im Landkreis“, erschienen am 20. Oktober, erreichte die Redaktion folgende Zuschrift:

Wir alle stehen im Wettbewerb. Als Unternehmen, als Standort Uelzen, als Deutschland. Das Pfund, mit dem wir in der Vergangenheit wuchern konnten, war unser Humankapital – hervorgebracht durch Bildung. Und heute? Deutschland ist nicht mehr das Land der Dichter und Denker, der Erfinder und Ingenieure. Andere haben uns längst den Rang abgelaufen.

Meine Erfahrung als Unternehmer, Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb zeigt: den Schulabgängern fehlen schon heute grundlegende Kompetenzen. Selbst Realschulabgänger können keinen auch nur annähernd fehlerfreien Brief schreiben. Auch mathematische Grundlagen wie Dreisatz fehlen vielfach selbst denen, die ein durchschnittliches Abschlusszeugnis vorweisen können. Wer soll hierzulande in 20 Jahren Unternehmen lenken? Forschung betreiben? Technologien entwickeln? Politik machen?

Die IGS soll es nun richten und „die Schullandschaft bereichern“. Machen wir uns doch bitte nichts vor. Eine neue Schule, wie auch immer sie heißt, löst keine grundlegenden Probleme. Ein (zunehmender) Teil der Schüler wird weiterhin lernschwach, wenig motiviert und verhaltensauffällig sein – und die sehr starken Mitschüler daran hindern, ihre Potenziale voll zu entfalten. Die Vorstellung, nach der alle Schüler von Grund auf leistungs- und lernwillig sind und starke Schüler Verantwortung für schwache Schüler übernehmen, ist eine Verklärung der Realität.

Der Preis für dieses Experiment ist hoch, und tatsächlich ginge durch eine IGS-Gründung Vielfalt verloren: Schulstandorte im Südkreis müssten schließen, was für die betroffenen Orte ein schwerer Schlag wäre. Kinder müssten durch den halben Landkreis fahren, um zur Schule zu kommen. Den Gymnasien würden Ressourcen genommen – dabei sollen sie die Leistungsträger von morgen hervorbringen.

Wir brauchen nicht immer höhere Abiturquoten bei gleichzeitig sinkenden Abituransprüchen. Wir brauchen stattdessen eine verlässliche Qualität der mittleren Schulabschlüsse, als Voraussetzung für ein starkes Handwerk und einen soliden Mittelstand. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund der durch KI (Künstliche Intelligenz) bedingten, massiven Jobverluste in naher Zukunft. Wir brauchen zudem eine Bildungselite, eine Spitzengruppe, die im internationalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe bestehen kann. Die Zukunft unserer Kinder ist zu wertvoll für sozialromantische Bildungsexperimente.

Alexander Thieme, Uelzen

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Leserbriefe geben die Meinung des unterzeichnenden Verfassers wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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