Eine gute Tat

Zu AZ vom 21 .04.10, „Im Visier des Staatsschutzes“ und „Bärendienst“

Alle „Achtung“, Deutschland. Sauber, sauber. Ein gefundenes Fressen für stolzdeutsche Kleinbürger. Eckehard Niemann, überaus lästig vielen alle­mal, wurde zur besten Krimizeit dingfest gemacht. Die Kontinuität ist un­verkennbar: Wer während der NS-Zeit politische Parolen an Hauswände, Trafokästen oder auf sonst was malte, geriet ins Fadenkreuz der Gestapo. Wer heute, rd. 70 Jahre später, aus Gewissensgründen das gleiche tut, gerät ins Visier des Staatsschutzes. Erinnern tut man sich angesichts dessen auch an „die Firma Guck & Horch“. Dass die Häscher so schnell zur Stelle waren…, gedankt war‘s dieses Mal einer IM, pardon: einer aufmerksamen, braven, ordentlichen Volksgenossin. Denunziantentum nennt man so was um­gangssprachlich nichts desto trotz. Völlig in Ordnung werden vermutlich jetzt nicht Wenige von Niemanns politischen Gegnern sagen und sich die Hände reiben. Endlich hat man ihn mal mit was Strafbewehrtem an den Kant­haken gekriegt und ihm sein politisches Lästermaul hoffentlich für 'ne Weile gestopft. Da mag offenbar auch Marc Rath nicht abseits stehen. Schmeißt mit Lehm. Niemann sollte sich was schäm'. Vielleicht bietet es sich, dachte Rath vielleicht, hier ja mal an, den eigenen Imageschaden ein wenig aufzupolieren, den er in gewissen Kreisen von Stadtverwaltung und Mitte-Rechts-Politik erlitten hat -man denke nur mal an das, was der 2. Bgm., Jörg Firus, am 19. 3. „einer Uelzer Zeitung“ bzgl. (angeblicher) Kaputtredung „problematischer Sachverhalte“ vor den Latz knallte. „Nur Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“, und „Diese Lebensweisheit (sei) so alt wie richtig“, erklärt Rath oberlehrerhaft und richtet schon mal putativ über die Anti-Nazi-Graffiti-“Schmierereien“ von Niemann. Oder wollten Sie -warum auch immer -dem Niemann endlich mal was heimzahlen, Herr Rath? Bei allem Respekt, den ich bislang vor vielen Ihrer Kommentare hatte. Hier scheint Ihr Koordinatensystem ja wohl völlig durcheinander ge­raten zu sein. Erinnern Sie sich noch der unzähligen politischen Graffi­tis in der ehemaligen DDR vor der „Wende“ 1989 an Haus-und volkseigenen Plakatwänden, in Dresden z. B., in Ost-Berlin und Leipzig? Das Emblem von den staatsfeindlichen „Schwertern zu Pflugscharen“ beispielsweise? Oder die Parole, „Blast den Blockflöten den Marsch!“. Oder: „Es hat alles kei­nen Zweck, Honecker muss weg!“. Oder: „VEB -Vorsicht, Es Bröckelt“. Oder: „Warum gibt es in der DDR so wenig Banküberfälle? Weil man auf ein Flucht­auto 15 Jahre warten muss“. Unglaublich politisch kreativ war das. Erin­nern Sie sich dessen noch, Herr Rath? Waren das für Sie auch alles Narre­teien und Schmierereien? Waren das und all die vielen anderen, die es 1968 in der Altstadt von Prag unübersehbar an Hauswänden, auf Straßen und sonstwo gab, Graffiti-“Schmierereien“ weit unterhalb des Niveaus derjeni­gen, die sie klandestin gepinselt hatten? Sachbeschädigungen waren auch das allemal. Nichtsdestotrotz waren sie Pillepalle gemessen an dem, wofür sie menschenrechtlich und politisch standen: Für Demokratie, ge­gen Duckmäusertum und Anpassung, für Rückgrat und Zivilcourage. Ecke­hard Niemann -ein Mensch untadeligen politischen Formats -hat deshalb mit Sicherheit seitens aller Antifaschisten und Demokraten volle Hoch­achtung. Wir sollten ihm dankbar sein für das, was er getan hat. Wenn schon keine guten Straßennamen, so zumindest eine gute Tat.

Borvin Wulf, Suderburg

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