Leserbrief

Die dunkle Seite bedenken

Zu der Kolumne „Von Woche zu Woche“ von AZ-Chefredakteur Thomas Mitzlaff vom 4. Februar („Ein Krankenwagen für den Wolf“) und seinem Artikel „Der Chefarzt geht“ vom 10. Februar sowie zu dem Leserbrief von Frau Esther Tepper („Respekt vor dem Leben“) schreibt Alexander Hess aus Lehmke:

Für seine gut recherchierte Kolumne vom 4. Februar, die inhaltlich ebenso ironisch wie sarkastisch brilliert, gebührt dem Chefredakteur uneingeschränktes Lob auch deshalb, wenn man sich in diesem Zusammenhang einmal vergegenwärtigt, wie lange andererseits ein Kassenpatient auf den von ihm dringend benötigten Termin bei einem Facharzt warten muss. Meine Empfehlung in Verbindung mit der Politik, die sich diesen „Schildbürgerstreich“ ausgedacht hat, lautet deshalb: Warum wird dieser Krankenwagen nicht in „Wenzel-Mobil“ umgetauft?

Auch in diesem Fall („Der Chefarzt geht“, die Red.) hat der AZ-Chefredakteur vor dem Hintergrund der entsprechenden Gesetzgebung sachlich argumentiert. Ihnen, sehr geehrte Frau Esther Tepper, kann ich in Ihrer Eigenschaft als Hebamme dazu nur folgendes sagen: In meiner Eigenschaft als freiberuflicher Trauersprecher, hat mir ein Bestatter einmal seinen Beruf mit diesen Worten beschrieben: „Der schönste Beruf auf der Welt ist der der Hebamme; sie hilft neues Leben zur Welt zu bringen.

Und ich als Bestatter habe den zweitschönsten Beruf, indem es meine Aufgabe ist, das gestorbene Leben später in Würde zu verabschieden“ – und ich als Redner darf ihm dabei assistieren und den Angehörigen helfen.

Respekt vor dem Leben ist bei alledem natürlich unabdingbar. Darüber hat mein Landsmann, der 1889 in Hamburg geborene Publizist und Schriftsteller, Carl von Ossietzky, der 1938 im KZ verstarb und dem posthum der Friedensnobelpreis 1935 verliehen wurde, das Buch „Menschenwürde – Menschenrechte“ verfasst. Es wurde Schülern in Hamburg als Entlassungsgeschenk nach dem Realschulabschluss überreicht.

Sie müssen also auch die andere, die dunkle und leider nicht so lebensfrohe Seite unseres irdischen Dasein in Ihre Ausführungen mit einbeziehen: Soll aus ethischen Gründen ein nicht gewolltes, ein nicht geliebtes Kind, oder ein Kind, das in sozialen Zwängen und Nöten aufwachsen, das dann in unserer egoistischen Welt kaum eine Chance hat, das irgendwann vielleicht auch den Widersinn seines Dasein erkennt, todunglücklich aufwachsen?

In welchem Verhältnis also stehen die von Ihnen geschilderten Negativerfahrungen von Frauen zu dem Teil der Frauen, die nach dieser für sie seelisch sicherlich schweren Entscheidung, wenigstens mit sich selber und ihrem künftigen Dasein klar kommen?

Damit über mich hier kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin Vater zweier inzwischen erwachsener Töchter – auf die ich auch sehr stolz bin.

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