Dolchstoß für Uelzens Naziopfer?

Zum AZ-Artikel „Ein Jahr lang gelten beide Straßennamen“:

Das schockt. So kann man gefühlsmäßige Negativstimmung machen. Und das will man wohl auch. Psychologisch wird eine Bedrohungskulisse aufgebaut: Die Änderung im Personalausweis koste schon mal 11,70 Euro. Eineinhalb Seiten lang sei das Informationsschreiben der Stadt Uelzen an die Anlieger der Farinastraße. So lang? Oh Gott! Mitgeteilt wird den Anliegern, dass sie auf den Kosten für ihre Mitteilung des neuen Straßennamens gegenüber Banken, Versicherungen, Versandhäusern, der Rentenversicherung und Krankenkasse, eventuellen Geschäftspartnern, der GEZ usw. sitzen bleiben.

Ganz zu schweigen vom persönlichen Freundeskreis, den von der Straßennamen-Umbenennung zu informieren auch noch Geld koste. Das alles zu erledigen, hätten sie zwar voraussichtlich ein volles Jahr Zeit, sagt Bürgermeister Otto Lukat, weswegen der alte Straßenname neben dem neuen auch so lange bestehen bleibe. Aber Dutzende von Zeilen würden durchaus schon dabei 'drauf gehen, und entsprechend groß sei für jeden deshalb der Zeitaufwand. Das alles sowie die Tatsache der Straßennamen-Umbenennung als solche, die von den Farinastraßenanliegern mehrheitlich wohl eher nicht gewollt war, weil sie mit dem Straßennamen eines NS-Verbrechers sehr gut leben konnten, wird die Volksseele wieder mal so richtig zum Kochen bringen; insbesondere im Internet kann man sich, zumal anonym, also mal wieder richtig auskotzen.

Dass es das Alltäglichste von der Welt ist, bei privaten Umzügen, Firmensitzverlegungen, Gewerbegebietserweiterungen, unpolitisch begründeten Straßennamen-Umbenennungen, die in Deutschland massenhaft erfolgen, die neue Anschrift Geschäftspartnern, Versicherungen, Banken, Freunden und Bekannten wie selbstverständlich und ohne Murren per SMS, per E-Mail, per Briefpost oder übers Telefon mitzuteilen, wird ausgeblendet.

Für außerordentlich bedauerlich und problematisch halte ich, dass Uelzens Stadtverwaltung sich offenbar dazu entschlossen hat, dem am 11. November tagenden Kulturausschuss für die Farinastraße als neuen Straßennamen „Am Stadtgut“ vorzuschlagen. Nichts gegen „Am Stadtgut“ als solches. In diesem Fall lenkt das allerdings – bewusst (?) – von dem politischen Strasßennamenänderungs-Zusammenhang ab.

„Es ist durchaus nicht einerlei, wie die Straße heißt, in der man wohnt“, schreibt der hannoversche Historiker, Dr. Bernhard Strebel, in seinem aktuellen Gutachten für die Stadt Celle. Auch Celle kämpft, inzwischen verstärkt, gegen die eigene Nazivergangenheit. 41 Namensgeber dort waren Nazis. Eine Expertenkommission empfiehlt die Umbenennung der Nazistraßennamen. Nur konsequent und logisch sei, „abgewickelte“ Nazistraßennamen mit Straßennamen auszustatten, die Cellesche Opfer des Nationalsozialismus waren. Rechtskonservativen aufs Maul zu schauen, sei eine populistische Konzession an die Linientreuen. Darüber sollte Uelzens Stadtverwaltung sowie die im Kulturausschuss und im Rat vertretenen Stadtvertreter noch mal gründlich nachdenken, bevor sie sich zu einer geschichtsunsensiblen Lösung verführen lassen.

Borvin Wulf,

Suderburg

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