„Der Tod fährt mit im Puma“

Bertolt Brecht schrieb einst: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Die Frage, ob Rheinmetall vor allem als Kriegswaffenhersteller, der Panzer wie den Leo und den Puma baut, oder als Arbeitgeber gesehen werden muss, darüber diskutieren die Leser. Foto: dpa

Reaktion auf Leserbrief „Rheinmetall schafft Arbeitsplätze“ von Regine Mareck, AZ vom 8. Juni:.

Sehr geehrte Frau Mareck, ich habe lange über Ihre Stellungnahme zu meinem Leserbrief vom 1. Juni nachgedacht. Ich bin mir sicher, dass ich Sie nicht überzeugen kann, zumal Sie ja an ein „höheres Wesen“ glauben, womit vermutlich nur Gott gemeint sein kann. Mit dem habe ich, salopp ausgedrückt, aber nichts am Hut. Uns aus dem ewigen Kreislauf „Kriege gab’s schon immer und wird es leider auch in Zukunft geben“ zu „erlösen“, hilft weder Gott noch Kaiser und Tribun. Das muss der Mensch schon selber tun. Vielleicht gelingt es mir ja, Sie zumindest zum Nachdenken zu bringen. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben. Würde ich ein sorgloses Leben führen, würde ich mit Sicherheit nicht über die Unvereinbarkeit von Krieg und Frieden nachdenken. Und das Rheinmetall über 100 Jahre alt ist, sagt da gar nichts. Die Camorra-Mafia ist auch über 100 Jahre alt. Inzwischen hat sie ein breites Portfolio und bietet viele „Arbeitsplätze“.

Der Aspekt „sichere Arbeitsplätze“ hat für Sie einen sehr hohen Stellenwert. Grundsätzlich ist das auch gut so. Einzelaspekte sollten im Leben allerdings immer in ihrem Gesamtzusammenhang gesehen werden. Es sollte stets die Frage gestellt werden nach dem wofür beziehungsweise wem oder was dienen Arbeitsplätze: dient Arbeit an dem Platz, wo und wie und wofür sowie für wen sie ausgeübt wird, nicht nur mir, sondern auch dem (Mit-)Menschen sowie der Natur und Umwelt oder schadet sie. Zwei Beispiele: Wenn man den Bereich Arbeitsplätze derartig verabsolutiert, wie Sie das tun, wären sämtliche Arbeitsplätze, die (Un-)Menschen während der NS-Zeit innehatten, beispielsweise in Konzentrations- und sonstigen Vernichtungslagern, der höchste Stellenwert gewesen. Sekundär wäre für den Lokführer und das Begleitpersonal der Güterzüge gewesen, die Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und Kommunisten in die Vernichtungslager transportierten, was mit ihnen anschließend geschieht. Für den Lokführer usw., von denen viele sicher zu Hause eine Familie hatten, die versorgt sein wollten, hätte oberste Priorität der möglichst sichere Arbeitsplatz gehabt, obgleich er sich zum Werkzeug einer Verbrecherbande machte, die vorgab, dem deutschen Volke zu dienen, in Wahrheit allerdings nichts anderes als Morden und Töten im Kopf hatte. Oder denken Sie mal an die Tausende Conterganopfer. Pharmakologen, die ihren Arbeitsplatz bei der Grünenthal AG innehatten, war bekannt, dass das von ihnen erforschte und hergestellte Schlaf- und Beruhigungsmittel Thalidomid schwerste körperliche Missbildungen und Nervenschädigungen hervorrufen konnte. Im Interesse der Erhaltung ihres Arbeitsplatzes hinderte sie das allerdings nicht daran, an Produktion und Vertrieb dieses Medikaments mitzuwirken. Prinzipiell nicht anders ist es mit den Führungskräften sowie den Arbeitern und Angestellten von Rüstungskonzernen a la Rheinmetall. Die konstruieren, bauen und verkaufen Kriegswaffen. Der Tod fährt mit im Puma. Das als „clevere, über 100 Jahre alte Geschäftsführungsidee“ zu bezeichnen, kann man nur als abgrundtief unmenschlich und zynisch bezeichnen. Das wohl dümmste Argument ist dabei, wenn Rheinmetall keine Waffen produzieren würde, täten es halt andere. Frage: Wenn andere Menschen betrügen oder einbrechen, vergewaltigen, stehlen oder töten, tun S i e das im Interesse des Gleichgewichts des (Ab-)Schreckens dann dito, vielleicht sogar präventiv?

Nein, Frau Mareck, Leichen pflastern Rheinmetalls Weg.

Raymonde Harland,

Hamburg

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