Bürokratie ist das Problem

Der viel zitierte Ärztemangel ist nicht auf fehlende Freizeitangebote auf dem Lande zurückzuführen, sondern auf eine überbordende Bürokratie im Zusammenspiel mit besonders hohen Patientenzahlen, sagt AZ-Leserin Franziska Stern.
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Der viel zitierte Ärztemangel ist nicht auf fehlende Freizeitangebote auf dem Lande zurückzuführen, sondern auf eine überbordende Bürokratie im Zusammenspiel mit besonders hohen Patientenzahlen, sagt AZ-Leserin Franziska Stern.

Dr. Franziska Stern aus Ebstorf schreibt zum Bericht „Wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen“ über den Landärztemangel (AZ, 12. Juni 2015):

Seit Jahren geistert das Thema „Landärztemangel“ durch die Medien – die Politik sucht nach Erklärungen (mangelnde Freizeitangebote für Landärzte), reagiert pflichtschuldigst mit Aktionismus und suggeriert tatkräftiges Handeln. Geschehen ist bisher auch deshalb nichts, weil der „Sicherstellungsauftrag“ primär bei der ärztlichen Selbstverwaltung, der KV, liegt. Die KVN (Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen) sieht im Übrigen in Niedersachsen keine unterversorgten Gebiete, der Landkreis Uelzen zum Beispiel verfügt im hausärztlichen Versorgungsbereich über einen komfortablen Versorgungsgrad von circa 112 Prozent.

Wer sich als junger Arzt nach jahrelangem Studium und mehrjähriger Klinikszeit (und Promotion) als Arzt niederlässt, weiß um die hohe Arbeitsbelastung. In den Landarztpraxen, wo deutlich mehr Patienten als in den Städten behandelt werden, ist die Arbeitsbelastung jedoch noch um ein Vielfaches höher. Diese Verdichtung der Arbeit in Kombination mit den berufspolitischen Rahmenbedingungen, die ein kompliziertes Regelwerk vorgeben, schreckt den Ärzte-Nachwuchs zu Recht ab.

Dass die ärztliche Behandlung von Patienten oberhalb einer willkürlich festgelegten Anzahl von Kranken nur noch mit Abschlägen vergütet wird, dass es patientenbezogene Medikamenten- und Heilmittel-richtgrößen gibt, bei deren Überschreiten der Arzt persönlich in finanzielle Haftung genommen wird – diese „Details“ kennen nur die Wenigsten. Desweiteren sieht das Regelwerk für Hausarztpraxen pro Quartal ein bestimmtes Zeitkontingent vor, das für die Patientenbehandlung zur Verfügung steht und dessen Überschreiten in einigen Bundesländern automatisch der zuständigen Staatsanwaltschaft gemeldet wird, da Abrechnungsbetrug vermutet wird.

Dem Landarzt, der diese Budgetobergrenzen wegen der hohen Zahl an Patienten früher erreicht als der Kollege in der Stadt, bleibt bei Erreichen dieser Limits nur noch die Möglichkeit, „Zwangsurlaub“ zu machen. Bei den Patienten stößt das naturgemäß auf wenig Verständnis.

Die radikale Evaluation der überbordenden Bürokratie wäre sicher eine geeignete Maßnahme, ärztlichen Nachwuchs für den Beruf des Landarztes zu motivieren. Es stimmt im Übrigen nicht, das es auf dem Land weniger Freizeitangebote gibt, es sind eben nur andere als in der Stadt.

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