Bürgermeister-Chronik: Sprechen so Köpfe?

Borvin Wulf antwortet auf den Leserbrief „Auch Steine können sprechen“:.

Die Schilderung des Leidensweges der von den Nazis gedemütigten und enteigneten letzten Eigentümerin des wertvollen Uelzer Grundstücks Ecke Gude-/Schuhstraße mit dem Textilhaus „Wilgrü“ der Jüdin Therese Flaut, das von der Abrissbirne kürzlich platt gemacht wurde, füllt nicht nur manche Wissenslücken, sondern geht auch „unter die Haut“, auch wenn dieser „Fall“ von Entwürdigung, Stigmatisierung und Ausplünderung zugunsten „rein arischer“ deutscher Volksgenossen nur ein Beispiel unter Hunderttausenden anderen zwischen 1933 und 1945 gewesen ist, wohingegen solche schmarotzenden, rassistischen Systemgewinnler wie G. Zierath und der Augenarzt Dr. Strobell nach 1949 nie vor ein Gericht des NS-Nachfolgestaats BRD wegen Bereicherung aufgrund Arisierung jüdischen Eigentums gestellt wurden. Deswegen und weil der „braune Schoß“ noch heute fruchtbar ist (Stichwort: NSU; NPD; rechtes Denken bis tief in die Mitte unserer Gesellschaft; Versiffung gewisser Teile unserer Polizei und der Geheimdienste mit rechten fellow travellers, die Neonazis schützt, sie finanziell aushält und de–monstrierende Antifaschisten regelmäßig kriminalisiert und zusammenknüppelt), ist der Leserbrief von Dr. Thiel hoch anerkennenswert.

Schade finde ich allerdings, dass Dr. Thiel keinen Bogen zum Hier und Heute schlägt. Den Nationalsozialismus nur aus historischer Perspektive zu beleuchten, ist zumindest problematisch. Im Grunde genommen weiß das, wie ich ihn kenne, auch Dr. Thiel. Zur Erinnerung: In der AZ-Ausgabe vom 11. Juni 2011 veröffentlichte er einen, mit „Farina-Bildnis entfernen“ überschriebenen Leserbrief, in dem er sich wegen der Verbrechens-Involvierung des langjährigen Uelzer Bürgermeisters Johann-Maria Farina als Steigbügelhalter des monströsen NS-Regimes dafür einsetzte, das Bildnis Farinas aus Uelzens Bürgermeisterchronik im Rathaus zu entfernen. Ich stehe nicht an, zuzugeben, dass mich Thiels Überlegungen damals erst einmal sensibilisierten und ich mich deshalb auch am 8. Mai 2012 an der vom „Bündnis gegen Rechts“ organisierten Aktion beteiligte, wo die drei Kopf-Fotos erheblich belasteter ehemaliger NS-Größen von Uelzen aus der Galerie der Bürgermeisterchronik im VA-Saal abgehängt und anschließend dem heutigen Bürgermeister Otto Lukat in einem „braunen Sack“ zwecks „Entsorgung“ ausgehändigt wurden. Geschichte lässt sich allerdings nicht entsorgen.

Ich will hier und heute nicht näher darauf eingehen, dass Lukat, nachdem er die drei Bilder identifizierte, vor Wut förmlich ausflippte und den rund 15 Teilnehmern an dieser Aktion spontan damit drohte, sie allesamt anzuzeigen. Dass er sich damit der Lächerlichkeit preisgab, erkannte er zwar bereits wenig später, weswegen er denn auch mit der für die Presse bestimmten, wenngleich abstrusen Begründung, „man solle keine Märtyrer schaffen“, auf eine Anzeige verzichtete und die drei Bilder anschließend wieder an ihren angestammten Platz hängte. Damit war für ihn bezeichnenderweise die Angelegenheit erledigt. Und derartig unangefochten unkommentiert bezüglich ihrer erheblichen NS-Involvierung hängen die drei Bilder bis heute in Uelzens meterlanger Bürgermeister-Chronik. Wer sich bewusst der Gegenwart stellt, merkt täglich, dass die düstere deutsche Vergangenheit nach wie vor sehr lebendig ist. Genau das ist das Problem. Hier schließt sich Uelzens Geschichte von gestern bis heute im Sinne einer Kontinuität partieller unreflektierter NS-Aufarbeitung, ausgenommen davon Dr. Egges Arbeiten. Zwar ist es gut, dass ein NS-Mahnmal neben dem Rathaus und eine Opfertafel jüdischer Bürger an der Außenwand des Rathauses existiert. Anerkennenswert ist gleichfalls, dass die „Aktion Stolpersteine“ im Stadtgebiet von Uelzen einmal bereits stattfand und jetzt am 10. Oktober erweitert wird. Richtig ist auch: Unsere deutsche Terror-NS-Geschichte „bewältigt“ man und verstehen die Nachgeborenen nicht dadurch, indem man Bilder ihrer Repräsentanten aus der Bürgermeister-Ahnengalerie ersatzlos abhängt und somit weiße Flecken hinterlässt. Will sagen: die Bilder dieser drei NS-Verbrecher sollte man zwar an ihren Plätzen hängen lassen, allerdings in kurzen Angaben da drunter setzen, dass sie Steigbügelhalter des NS-Regimes gewesen sind. Geschieht das nicht, ist die Chronik eine scheinbar wertfreie Chronik an Köpfen von Gleichen unter Gleichen. Auch im Interesse der politisch integeren ehemaligen Bürgermeister Uelzens kann das ja wohl nicht sein, oder?

Borvin Wulf,

Suderburg

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