AZ-Leserbriefe

„Biologe mit kruden Thesen“

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Wildschweine sind gefährlicher als Wölfe, meint Leserin Susanne Jason aus Wrestedt.

Susanne Jason aus Wrestedt schreibt zum Artikel „Wolf mit dem Gewehr erziehen“ (AZ vom 30. November):

Als ich den Artikel las, dachte ich: Interessant, so was sagt ein Biologe? Was macht Herrn Professor Pfannenstiel, den Jäger, zur Kapazität für Wölfe? Unterschwellig wird mir hier vermittelt: Schau mal, ein Fachmann, der studiert hat, sagt dir, wie du Wölfe erziehen könntest. So ein Quatsch! Wölfe reißen Menschen? Es gab laut der anerkannten Linnell-Studie neun Angriffe weltweit, die tödlich endeten in den letzten 50 Jahren, wovon fünf durch Tollwut ausgelöst waren. Interessant ist doch, dass es entschieden mehr Tötungen durch Wildschwein-Angriffe gab. Die Jäger kommen mit den Wildschweinen nicht hinterher und da wollen sie die einzigen natürlichen Feinde ins Jagdrecht aufnehmen?

Die Angst vor dem Wolf ist weit verbreitet. Es ist gut so, aber man sollte ihn nicht verteufeln. Man darf Wölfe nicht anfüttern, wie es in Munster geschah, dann verlieren sie die natürliche Scheu und müssen geschossen werden, das verstehe ich auch. Anstatt sich ewig lang Gedanken um den Wolf zu machen, sollten sich alle Jäger lieber auf das Problem Wildschweine stürzen, die sind nämlich nicht nur gefährlich, sondern auch raffiniert. Ich würde so gerne mal einen Wolf in der freien Wildbahn beobachten, aber, obwohl ich in der Heide lebe, ist mir bis heute noch keiner unter die Augen gekommen. Mein Bruder, der ein Haus in der kanadischen Wildnis hat, hat zwar schon Grizzlies im Garten gehabt, aber noch nie einen Wolf zu Gesicht bekommen, nur ihr Heulen gehört.

Martin Feck aus Wrestedt meint zu diesem Thema:

Der Ökologische Jagdverein Brandenburg hat zu den teils kruden Thesen von Professor Pfannenstiel seinerzeit Stellung bezogen. Als wissenschaftliche Autorität gilt in den Kreisen der Wolfsgegner der Biologe Hans-Dieter Pfannenstiel, ehemals Vizepräsident der Landesjagdverbandes Brandenburg. Er ruft nun die Jäger auf, endlich „mit einer Stimme zu sprechen“ und die „Vogel-Strauß-Politik“ zu beenden.

Hans-Dieter Pfannenstiel, bis zum Jahr 2008 Hochschullehrer mit dem Schwerpunkt „marine wirbellose Tiere“ und Verfasser von Artikeln, die in einschlägigen Jagdmagazinen veröffentlicht wurden, will derzeit offenbar nicht nur den „selbsternannten Öko-Gurus“ (so nannte er einst Parteimitglieder der Grünen – in seinem aktuellen Beitrag spricht er zudem von „Ökofantasten“) beim Thema Wolf die Leviten lesen, sondern augenscheinlich auch gleich allen Präsidenten der Landesjagdverbände und des Deutschen Jagdverbandes sowie dem Deutschen und dem Brandenburger Bauernverband.

„Gutachter“ Pfannenstiel, kann man im Netz erfahren, scheint in der Öffentlichkeit als populärer Autor einschlägiger Jagdmagazine bekannt zu sein und nicht als renommierter Wolfswissenschaftler. Seine wissenschaftliche Profession war – bis 2008 – das Thema „Embryonalentwicklung und Geschlechtsentwicklung verschiedener mariner wirbelloser Tiere“.

Der Journalist Jens Bisky bemerkte einmal, dass nicht allein die Verunsicherung, sondern die Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein, Populisten auszeichnet. Der Begriff „Biologe“ suggeriert dem „normalem Leser“, dass ein Biologe über ein breitgefächertes biologisches Fachwissen verfügt. Ein Meeresbiologe muss aufgrund seines Studiums keine dezidierten Kenntnisse von Wölfen besitzen – vom gesunden Menschenverstand ganz zu schweigen.

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