Bestehen in Zeiten des Schwundes

Zum Leserbrief „Das gewünschte Ergebnis – eine bewährte Strategie“ über Uelzens Innenstadt-Entwicklung:

Den von Herrn Lauter am letzten Samstag beschriebenen Verdacht, dass man sich seitens der Stadt Uelzen sehr gut darauf versteht, für das jeweilige Wunschprojekt passende Gutachten beziehungsweise Gutachter zu besorgen, kann ich nur bestätigen.

Die beiden Hauptgutachten zum Marktcenter wurden von Prof. Seifert aus Gießen erstellt. Am Ende musste da auch die passende noch fehlende Verkaufsfläche herausgearbeitet werden. Sicher kann man Gutachten immer etwas in Richtung des Auftraggebers gewichten, aber mit offensichtlich falschen Kennzahlen zu arbeiten ist dann doch mindestens als fahrlässig zu bezeichnen, wenn man an die weitreichenden Konsequenzen für alle Beteiligten denkt. Mündlich erfragte Quadratmeterumsätze und das Weglassen großer Marktteilnehmer (Internet, Discounter) führen zu vollkommen unwirklichen Ergebnissen.

Kurz zum Verständnis: wenn das Marktvolumen für Elektroniksortimente im Landkreis Uelzen 33 Millionen Euro beträgt, 20 Millionen davon bereits durch vorhandene Anbieter gebunden werden, bleiben 13 Millionen Euro freie Kaufkraft übrig. Bei einem qm-Umsatz von 5000 Euro ergibt sich eine mögliche noch freie Verkaufsfläche von 2600 Quadratmeter. Das passt! Richtig ist aber: 1. Quadratmeter-Umsätze statt mündlich erfragen einfach im eBundesanzeiger nachschauen, da kommt man schnell auf durchschnittlich 7500 Euro. 2. Internet-Marktanteil und Discounter (zusammen 18 Prozent) mit berücksichtigen. Also 33 Millionen Euro Marktvolumen minus 18% sind nur noch 27 Millionen., bleiben noch 6 Millionen Euro nicht gebundenen Kaufkraft. Geteilt durch den richtigen qm-Umsatz ergibt sich eine mögliche freie Fläche von 800 Quadratmeter. Passt nicht! (aus Sicht der Stadt).Im übrigen disqualifiziert sich ein Gutachten, dass im Jahr 2006 erstellt wird und dann mit Zahlen von 2003 arbeitet, ohnehin.

Meine beiden BWL studierenden Söhne würden von Ihren Professoren für solche handwerklichen Fehler ein glatte 5 bekommen. Drei Fachgutachter, darunter auch die BBE Hannover, kommen entgegen Prof. Seifert zum richtigen Ergebnis. Die BBE-Gutachten waren bis vor nicht langer Zeit für die Stadt übrigens das Maß aller Dinge. So sind in dem von der Stadt Uelzen in Auftrag gegebenen BBE-Gutachten für den gesamten Uelzer Einzelhandel aus dem Jahr 2000 viele sinnvolle Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt, die heute noch zu 100 Prozent gültig sind. Warum liegt so etwas zehn Jahre in der Schublade?

Was machen Verwaltung und Politik? Das schöne, bestens passende, wahrscheinlich auch teure Gutachten Seifert durchwinken, die drei Fachgutachter in Fassungslosigkeit zurücklassen und das Wunschgutachten bei der IHK Lüneburg einreichen. Die winken das damals mangels Zeit auch einfach durch, das hab ich dort selbst hinterfragt. Für den Landkreis ist dann auch alles in Ordnung. Geht doch! Ist doch auch richtig, oder?

Die für den Elektrofachhandel beschriebene Situation kann man analog natürlich auch auf den Lebensmittelhandel anwenden, die Ergebnisse sind noch katastrophaler – Herr Wolff wird das Interessierten sicher gern erläutern.

Eine richtig schöne Brisanz bekommt das Ganze zusätzlich, wenn man die letzte Wochenrevue von Herrn Mitzlaff „Bestehen in Zeiten des Schwundes“ liest. Nach Prognosen wird die Bevölkerung im Landkreis Uelzen bis 2028 von heute 95 000 auf dann 76 000 zurückgehen, das sind über 20 Prozent! Das sind 20 Prozent weniger Kaufkraft, das hat massive Auswirkungen auf zukünftig benötigten Wohnraum, Büro- und Praxenraum, Schulkapazitäten usw. Ein echtes Drama, worüber bis auf die Schuldiskussion heute keiner der Entscheidungsträger so richtig nachdenken mag.

Peter Meinecke,

Uelzen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare