AZ-Leserbrief

„Die beste Verfassung, die wir je hatten“

Vor 71 Jahren trat unser Grundgesetz in Kraft. Daran erinnert AZ-Leser Karl Jongeling.
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Vor 71 Jahren trat unser Grundgesetz in Kraft. Daran erinnert AZ-Leser Karl Jongeling.

Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft. Dazu schreibt dieser AZ-Leser:

Am 23. Mai wird vor öffentlichen Gebäuden geflaggt, und manche denken vielleicht, es würde geflaggt, weil wir – im Vergleich zu vielen anderen Ländern – die Corona-Krise bis jetzt so gut überstanden haben.

Irrtum: Vor 71 Jahren – am 23. Mai 1949 – ist unser Grundgesetz in Kraft getreten. In anderen Ländern ist dieser Tag als „Verfassungstag“ ein Feiertag. Das müsste er bei uns nicht sein, denn wahrscheinlich wüssten viele Mitbürger noch nicht einmal, weshalb sie an dem Tag ins Grüne fahren dürften. Ein weiterer schulfreier Tag müsste nach der Coronakrise und nach den Demonstrationen für die Zukunft auch nicht sein.

Aber es müsste so sein wie in der Weimarer Republik. Damals versammelten sich am 11. August die Schüler in der ersten Stunde, und in der Regel sprach ein Lehrer über die Verfassung. Danach gingen alle in den Unterricht.

Worüber aber sollten die Lehrer heute zu ihren Schülern sprechen? Zum Beispiel über den Grundrechtskatalog mit den Artikeln 1 bis 19, darunter den wunderbaren Artikel 1. In Ägypten gab es nach dem Sturz von Mubarak eine neue Verfassung. Artikel 1 lautete: „Ägypten ist ein islamischer Staat.“ Dabei hat das Land 16 Prozent Christen, die Kopten. Wie gut, dass es bei uns nicht heißt „Deutschland ist ein christlicher Staat“, sondern „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Jeder Mensch, egal ob Mitglied einer Glaubensgemeinschaft oder Atheist, ob schwarz oder weiß, männlich oder weiblich, besitzt seinen einmaligen Wert, seine Würde. Man denke an die NS-Zeit, als die Menschenwürde mit Füßen getreten wurde.

Großartig auch, wie die Mitglieder des Parlamentarischen Rates Lehren aus den Fehlern der Weimarer Verfassung gezogen haben. Ein Beispiel ist Artikel 67: das konstruktive Misstrauensvotum. Der Bundeskanzler (die Kanzlerin) muss nur dann zurücktreten, wenn eine Mehrheit im Bundestag vorher einen anderen Kanzler/Kanzlerin gewählt hat. In der Weimarer Republik gab es ein „destruktives“ Misstrauensvotum. Alle Augenblicke wurde die Regierung gestürzt, sodass es in 14 Jahren zwölf verschiedene Reichskanzler und 20 verschiedene Regierungen gab, von denen die längste 637 Tage im Amt war. In den 71 Jahren des Grundgesetzes haben wir es bis jetzt auf acht Bundeskanzler gebracht.

Es gibt viele andere Gründe, sich über unser Grundgesetz zu freuen, die beste Verfassung, die wir je hatten. Eigentlich müssten an jedem 23. Mai alle Bundesbürger „Flagge zeigen.“

Karl Jongeling, Uelzen

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Leserbriefe geben die Meinung des unterzeichnenden Verfassers wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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