Beständiger Schandfleck

Zur Diskussion um die Seebohmstraße:

Am 29.04.2010 tagt Uelzens Stadtrat. Ein TOP sind Uelzens Nazistrassenamen. Im Fokus wird Hans-Christoph Seebohm sein. Bisher wurde fast nur seine Nazi-Vergangenheit ausgeleuchtet. Sein politisches Wirken nach Ende des Dritten Reiches bedeckten interessierte Kreise mit einem Schleier. Aus politischen Gründen, daran gibt's keinen Zweifel. All jenen, die Seebohm bis heute die Stange halten, sollte das Folgende doch wohl nachdenklich machen, zumal dann, wenn sie davon bislang keine Ahnung hatten.

Am 17. Mai 1950 richtete Brian H. Robertson, „Hoher Kommissar“ der Britischen Regierung beim „Alliierten Kontrollrat“, einen vertraulichen Brief an den (damaligen) Bundeskanzler Konrad Adenauer. Der Brief hat folgenden Wortlaut:

„Dear Chancellor,

ich bitte Sie, sich völlig darüber klar zu sein, dass das vorliegende Schreiben den Charakter eines streng persönlichen Briefes trägt und keine offizielle Beschwerde ist. Der Brief fordert nicht einmal eine Rückäußerung Ihrerseits, sollten Sie das Abfassen einer Antwort als peinlich empfinden.

Sie werden sich erinnern, dass ich vor einigen Monaten im Laufe einer Besprechung der Hohen Kommissare mit Ihnen eine Rede, die Herr Seebohm, Ihr Verkehrsminister, in Salzgitter gehalten hatte, getadelt hatte.

Kürzlich ist meine Aufmerksamkeit auf zwei weitere Reden gelenkt worden, die Herr Seebohm am 22. April in Verden und am 24. April in Braunschweig gehalten hat.

Nach mir zugänglichen Berichten hat Herr Seebohm in Verden vor einer stark besuchten Parteiversammlung seine Bemerkungen fast ausschließlich auf bissige Angriffe gegen die Hohe Kommission und die Engländer insbesondere beschränkt. Es folgen einige der Ausführungen, die er laut meinem Bericht gemacht hat:

a)Im Jahre 1945 habe die Armee, nicht aber der Staat oder das Volk kapituliert;

b)Die von der Hohen Kommission ausgesprochenen Vetos seien ungerecht, und Deutschlands Rechte und Forderungen müssten bedingungslos anerkannt werden;

c)Sicherheit sei eine Verantwortlichkeit der Alliierten, die jedoch nichts getan hätten, als die Schönheiten der Lüneburger Heide willkürlich zu zerstören und Panzerfahrzeuge über das Land wehrloser Bauern fahren zu lassen;

d)Das Grundgesetz sei mit Gewalt aufgezwungen worden und stehe nicht im Einklang mit den Wünschen des deutschen Volkes;

e)Eine Nation jenseits des Kanals sei der Meinung, dass nur eine politische Partei demokratisch eingestellt sei, und daher würde diese Partei unterstütz, um eines Tages die Regierung zu übernehmen;

f)Ein Volk, das „Britannia rules the waves“ sänge, habe kein Recht, wegen „Deutschland über alles“ ungehalten zu sein.

In der Braunschweiger Rede waren ebenfalls Bemerkungen über die Hohe Kommission und die Besatzungstruppen enthalten, die, gelinde gesagt, einen äußersten Mangel an Courtoisie aufweisen.

Ich will mich nicht mit Einzelheiten der Ausführungen des Herrn Seebohm befassen. Es sind nicht diese, die mich beschäftigen, sondern es ist die bedauerliche Einstellung, die aus diesen Reden zutage tritt. Sie wissen, glaube ich, wie sehr ich es wünsche, eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Ihrem Lande und dem meinen zu sehen, und für wie lebenswichtig für die Zukunft der Kultur ich eine enge Verbindung zwischen Deutschland und den anderen Völkern Westeuropas erachte. Reden wie diese, wenn sie von einem verantwortlichen Minister der Regierung gehalten werden, sind sicherlich geeignet, die Zwecke, die meine Regierung sowohl als auch die Ihre sich gesetzt haben, zu vereiteln. Ich muss in der Tat daran zweifeln, ob wir das Ziel, dem wir beide zustreben, erreichen werden, wenn derartige Dinge fortdauern.

Ich habe mich absichtlich davon zurückgehalten, zu dieser Angelegenheit offiziell Stellung zu nehmen, weil ich dies nicht tun konnte, ohne die Beziehungen zwischen der Hohen Kommission und Ihrer Regierung ernsthafter Störung auszusetzen. Wenn sich jedoch derartige Ausbrüche wiederholen werden, werde ich oder mein Nachfolger unausweichlich gezwungen sein, einen solchen Weg zu gehen. Ich hoffe zutiefst, dass sich dies vermeiden lassen wird. Wenn ich dies sage, so ist es nicht im entferntesten Sinne Absicht, eine Drohung auszusprechen, denn es gibt nichts, was mir unangenehmer wäre, als in dieser Weise vorgehen zu müssen.

Nachdem ich nunmehr diese Angelegenheit zu Ihrer Kenntnis gebracht habe, lasse ich sie völlig in Ihrer Hand und bitte nicht einmal, von den Schritten, die Sie unternehmen, verständigt zu werden.

Yours sincerely,

Brian H. Robertson“

Ob Konrad Adenauer dem „Hohen Kommissar“ Mr. Robertson geantwortet hat, ist nicht bekannt. Bekannt ist allerdings, was Konrad Adenauer Mitte 1953 nach der 2. Bundestagswahl öffentlich sagte:

„Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass dieser Herr wieder Minister im Bundestag wird.“

Wenn Konrad Adenauer sich damals bereits über den „ewigen Nazi“ Hans-Christoph Seebohm ausließ, sollte es doch wohl in 2010 in Uelzen möglich sein, den Straßennamen „Seebohmstraße“ zu beseitigen, damit er nicht als beständiger Schandfleck das Ansehen Uelzens herabwürdigt

Torsten Bücker,

Ebstorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare