Aufbruch zu neuen Ufern?

Leserbrief zum AZ-Artikel „Mit Rückenwind“ vom 12. September 2011:

Schön wär’s, Andreas Becker. Schön wär’s, wenn Uelzens neuer Landrat Heiko Blume für Durchzug in der politischen Landschaft sorgen täte, den Filz entrümpeln würde, verkrustete Strukturen aufbrechen, Tabus brechen, und erfrischend quer denken würde. Der Mann, von dem Sie das erhoffen, heißt allerdings nicht Andreas Becker, sondern Heiko Blume. Von Haus aus ist er auch noch Jurist. Verwaltungsjurist, wohlgemerkt. In der Regel ist diese Spezies (erz-)konservativ, loyal gegenüber der Obrigkeit, wenig kreativ, und gesellschaftspolitisch weder beweglich noch emanzipatorisch. Okay, gewonnen gegen die drei anderen hat mit erheblichem Abstand zwar Heiko Blume. Persönlich kann man ihm dazu nur gratulieren. Bezweifelt werden darf allerdings aus gutem Grund, ob davon auch der Landkreis Uelzen mit seinen Menschen profitiert. Wer Dr. Blume auf Wahlveranstaltungen erlebt hat – und besucht davon habe ich mehrere –, hat rasch erlebt, dass mit frischem Wind Marke Heiko Blume, mit Tabus brechen, querdenken etc., kein Blumentopf zu gewinnen ist. Sein Programm ist alles andere als pri–ckelnd. Ehrgeizige Ziele und Visionen? Fehlanzeige! Auch der Dreisatz, bestehend aus Aussitzen, Ignoranz und Bequemlichkeit, wird von ihm mit Sicherheit weder aufgehoben noch erschüttert: „1. Das haben wir schon immer so gemacht“; „2. Das haben wir noch nie so gemacht“; „3. Da könnte ja jeder kommen“. Blume wird, gegen jede Vernunft, und wenngleich ihr Bau allein schon wegen Geldmangel im Bundeshaushalt mehr als fragwürdig ist, weiterhin die Trommel für den Bau der A 39 rühren, obgleich er – unisono übrigens mit seinem Mitbewerber Krumböhmer von der SPD – zugeben musste, dass, wegen des vermeintlichen Zeitgewinns, dann noch mehr junge Menschen als Berufspendler dem Landkreis Uelzen gen Hamburg, Braunschweig oder Wolfsburg entfliehen, weil es dort ein breiteres und erheblich besser bezahltes Job-Angebot gibt; die Wertschöpfung aus Arbeit würde vermittels der A 39 also noch mehr aus dem Landkreis abgezogen. Frage: Sind Blume & Co. eigentlich noch zu retten? Außerdem interessiert Heiko Blume und seine Wähler überhaupt nicht, dass durch eine A 39 wertvolle Erholungs- und Kul–turlandschaft für einen umweltverträglichen Tourismus zerstört und hunderte Quadratkilometer Grund und Boden betonversiegelt sowie landwirtschaftliche Erwerbsflächen unwiderruflich zerschnitten werden. Von seinem Vorgänger, Theodor Elster, hat Blume die „Bad Bevenser Erklärung“ aus dem Jahr 2010 geerbt, wonach es Aufgabe des Kreises Uelzen ist, den ländlichen Raum in der ‘Metropolregion Hamburg’ in den Bereichen regenerative Energieressourcen, Tourismus, ambulante Versorgung in der Gesundheitswirtschaft, Aus- und Weiterbildung, Kultur und Verkehr, zu konkretisieren und besser zu vernetzen. Das kollidiert allerdings mit Folgendem: Im Nacken sitzt Landrat Blume das rigide Entschuldungsdiktat der Landesregierung, das sowohl ihm als auch dem Kreistag auf Jahre hinaus keine gestalterischen Spielräume ermöglicht, vom dauerhaften Überleben des Landkreises Uelzen ganz zu schweigen. Kurzum: Mit oder ohne Dr. Blume werden die Menschen im Landkreis Uelzen noch ihr „blaues Wunder“ erleben, so lange jedenfalls, wie es auf Bundes- und Landesebene keine strukturelle Reform des Steuerrechts zugunsten von Städten und Gemeinden gibt. Auf–bruch zu neuen Ufern also? Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, hat bereits Altkanzler Helmut Schmidt einstmals gesagt. Und der war durch und durch Pragmatiker.

Borvin Wulf

Suderburg

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