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Auch Steine können sprechen

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Ein Leserbrief anlässlich der Bauarbeiten auf dem ehemaligen Wilgrü-Grundstück an der Gudesstraße in Uelzen:.

Das Textilkaufhaus „Wilgrü“ ist nach mehr als 60 Jahren eine leere Steinwüste. Der Untergang des Traditionshauses war für die Inhaber sicherlich ein schmerzlicher Prozess. Aber dieses Eckgrundstück im Zentrum von Uelzen hat eine viel längere und tragischere Geschichte. 1934 waren keine Insolvenz oder Bulldozer nötig, um eine Jahrzehnte lange erfolgreiche Existenz in Grund und Boden zu vernichten.

1934 wurde das ehemalige jüdische Textilkaufhaus Plaut – das erste Haus am Platze seit etwa vierzig Jahren – durch rassistischen Nazi-Terror zerstört, ohne dass ein Stein weichen musste. 1934 übernahm G. Zierath das Textilkaufhaus Plaut im Rahmen der so genannten Arisierung und hatte keine Hemmungen in der AZ zu annoncieren, dass man jetzt wieder beruhigt bei dem rein arischen Besitzer einkaufen könne.

Arisierung war im antisemitischen Rassestaat der Nazis ein üblicher Vorgang: Spätestens seit dem Juden-Boykott am 01.04.1933 sollte kein Deutscher mehr bei Juden einkaufen, denn der Jude war vom Teufel. Wer es dennoch wagte, wurde nicht selten fotografiert. Die Fotos wurden auch in Uelzen im Schaukasten des Nazi-Hetzblattes „Der Stürmer“ öffentlich ausgehängt.

Die jüdischen Geschäftsleute wurden durch NSDAP und Staat so massiv unter Druck gesetzt, dass die Geschäfte und Betriebe in der Regel zu einem Spottpreis zur Bereicherung der Staats- und Parteikassen verkauft werden mussten. Nachfolger waren immer linientreue Nazis. Die systematische Ausraubung der Juden war nur der erste Schritt auf einer langen Straße von Demütigung, Vertreibung und Mord.

Die letzte Inhaberin des Textilkaufhauses war Therese Plaut. Es lohnt sich, das bewegte Leben dieser tapferen Frau in Erinnerung zu rufen. Therese Plaut, geb. Langstein (1879 bis 1939) heiratete Hugo Plaut, der zusammen mit seinem Bruder Paul und wohl auch anfänglich gemeinsam mit dem Vater Julius Plaut das Textilkaufhaus leitete. Therese Plaut musste in Ihrem Leben früh Verluste hinnehmen, die älteste Tochter starb 1907 mit 5 Jahren, ihr Ehemann 1918 im Alter von 43 Jahren.

Mitinhaber und Schwager Paul Plaut war schon 1914 mit 34 Jahren verstorben. Nach dem Tod des Schwiegervaters Julius Plaut 1923 wurde das Geschäft von den Gesellschaftern Conitzer und Fleischer geleitet. Therese Plaut blieb Eigentümerin des wertvollen Eckgrundstücks. Die wohlhabende Familie war in Uelzen hoch angesehen. Ein Beleg ist das ehemalige Privathaus der Familie in der Brauerstr. 14.

Durch den Würgegriff der Nazis wurden der früh verwitweten Frau weitere Entbehrungen zugemutet. Ihre Töchter Gertrud und Anna Luise wurden als Nichtarier 1933 aus dem TVU ausgeschlossen – auch Sportvereine mussten frei von Juden sein. Ihr Sohn Fritz wurde im August 1933 von den Nazis als Jude aus seiner juristischen Ausbildung als Gerichtsreferendar entlassen. Anlass war die Entfernung aller Juden aus dem öffentlichen Dienst

Gertrud Plaut studierte Medizin und ist bald nach der Promotion 1934 nach England geflüchtet. Ihre Schwester Anna Luise emigrierte 1937 nach Israel. Therese Plaut wurde 1936 von den Behörden der Reisepass wegen vermuteter Ausreiseabsichten abgenommen. Fritz Plaut flüchtete 1937 zusammen mit seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn Hugo Josef nach Argentinien.

Die Emigration der Juden war immer Flucht durch Vertreibung, freiwillig war sie nie. Vor dem Verlassen des Deutschen Reiches wurden die Juden systematisch ausgeraubt. Neben einer Reichsfluchtsteuer von 25 Prozent ab einem Jahreseinkommen von 10 000 Reichsmark wurden alle finanziellen Mittel, einschließlich von Pensionen, Renten, Lebensversicherungen und Aktien durch die staatlichen Devisenstellen zu 96 Prozent einbehalten. Die verarmten Auswanderer sollten sozialen Sprengstoff in die Aufnahmeländer transportieren. An Barmitteln durften auf die Reise 10 Reichsmark – nicht in Scheinen – mitgenommen werden.

Völlig allein auf sich gestellt, hat Therese Plaut am 3. Juli 1939 die Schiffsreise mit der Cap Arcona von Hamburg aus angetreten und ist nach Argentinien zur Familie ihres Sohnes geflüchtet. Sie brauchte keinen großen Koffer, denn mitnehmen durften die Juden nur den nötigsten Bedarf. Alle Teile, einschließlich der Wäsche, waren abgezählt. An Wertgegenständen blieben die Eheringe, ein silbernes Tafelbesteck und eine Uhr im Wert unter hundert Reichsmark. Die Nazis hatten nämlich Anfang 1939 per Gesetz alle Wertgegenstände aus jüdischem Besitz einkassiert. Nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Buenos Aires ist Therese Plaut am 7. September 1939 im Alter von 60 Jahren an Herzversagen gestorben.

Die Familie berichtete, sie habe die Spaziergänge im Stadtwald sehr vermisst.

Nachtrag: Das Privathaus in der Brauerstr. 14 kam in den Besitz des Augenarztes Dr. Strobell. Von einem rechtmäßigen Verkauf kann man nicht ausgehen, denn seit 1939 wurde der jüdische Immobilienbesitz zwangsarisiert, der Eigentümer verlor also jede Mitsprache und wurde durch einen Treuhänder der Nazis ersetzt. Dr. Strobell war der ehemalige Landesführer des rechtslastigen Nationalsozialistischen deutschen Frontkämpferbundes Stahlhelm. 1934/35 wurde der „Stahlhelm“ in die SA der Nazis eingegliedert.

Dieter Thiel,

Uelzen

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