1200 verpasste Chancen?

Eine lange Schlange von Wartenden bildet sich schon früh vor der Ritterakademie, in der verhandelt wird, doch nur 60 Menschen können pro Prozesstag hinein – auch wenn viele für Medienvertreter reservierte Sitzplätze frei bleiben. Ein Umstand, den AZ-Leserin Renate Gerstel kritisiert. Foto: dpa
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Eine lange Schlange von Wartenden bildet sich schon früh vor der Ritterakademie, in der verhandelt wird, doch nur 60 Menschen können pro Prozesstag hinein – auch wenn viele für Medienvertreter reservierte Sitzplätze frei bleiben. Ein Umstand, den AZ-Leserin Renate Gerstel kritisiert. Foto: dpa

Renate Gerstel aus Soltau schreibt zur Berichterstattung über den Auschwitz-Prozess in Lüneburg:.

Der angeklagte Oskar Gröning, ehemals SS-Mann in Ausschwitz und heute 93 Jahre alt, lebt im Heidekreis. Sein Prozess findet seit Ende April in der extra angemieteten großen Ritterakademie statt. 60 akkreditierte Pressevertreter sind zugelassen. Auf weiteren 60 Stühlen dürfen beliebige Besucher sitzen.

Die 60 Presseplätze unterscheiden sich nach Aussehen und Lage nicht von den anderen. Nur: Rund 40 von ihnen bleiben meistens von Anfang bis Ende eines Prozesstages leer, weil Medienvertreter sie nicht bis Juli durchgängig nutzen können. Mehrfach wurde der Vorsitzende Richter gebeten, diese Plätze der draußen wartenden Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Das lehnt er kategorisch ab.

Und so warten die Besucher auch vor Beginn des letzten Prozesstages vor Himmelfahrt rund zweieinhalb Stunden in einer langen Schlange, um unter den ersten 60 zu sein. Sie reisen zum Teil von weit her an. Als Soltauerin stehe auch ich in der Schlange, vor zirka 35 anderen. Keine einzige Schulklasse ist dabei. Die hätte bei den Bedingungen überhaupt keine Chance auf Einlass. „Der Saal ist voll“, hören wir schon gegen 9.15 Uhr. Zweidrittel der Abgewiesenen gehen nach dieser Ansage sofort. Das letzte Drittel harrt wie ich aus, in der Hoffnung bei den Nachrückern dabei zu sein. Drei junge Berliner teilen sich schließlich nach mindestens vier Stunden Wartezeit im Wechsel zwei frei gewordene Sitzplätze. Der Rest wartet bis zum Schluss draußen.

Auch Richter müssen bei Ermessensentscheidungen pflichtgemäß handeln. Eine Entscheidung, die der Öffentlichkeit unnötig erhebliche Mühen bereitet, wirkt jedenfalls für einen Nichtjuristen rein willkürlich. Das schadet dem Ansehen der Justiz und unserer Demokratie insgesamt. Und das nicht nur wegen der Wartenden, auch wegen der überlebenden Zeitzeugen, von denen sich einige noch nach ihrer Vernehmung erschöpft den Fragen der Draußengebliebenen stellen. 40 leere Plätze an 30 Tagen: Das entspräche rund 60 Schulklassen und damit 1200 verpassten Chancen, den Gräueltaten der Nazis nachzuspüren und so den Boden für Neonazismus und Antisemitismus auszutrocknen. Hoffen wir, dass der Vorsitzende Richter Franz Kompisch doch noch dieses Ärgernis endlich abstellt.

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