„Stimmung war dahin“

Mit der Kolumne des IK-Verlegers „Keine Kehrwoche in Athen“ befasst sich Anette Merandos aus Wittingen:

In der Rubrik „Wie ich es sehe“ schreibt Herr Ippen über seinen Eindruck zur wirtschaftlichen Situation und der Arbeitsmoral der Südländer. Hätte ich es doch nur nicht gelesen. Die Wochenendstimmung war dahin.

Die „liebenswerten Südeuropäer“ halten an ihrer Siesta fest. Ja, dafür arbeiten sie aber abends, wenn Menschen wie Herr Ippen im Urlaub gern durch die Geschäfte schlendern. Diese Zeiteinteilung hat wenig mit der Arbeitseinstellung zu tun, sondern vielmehr mit den Temperaturen. Wer dieses Leben nicht direkt kennen gelernt hat, sollte nicht zu hochmütig über andere urteilen. Denn für die Siesta opfern die Südländer ihren Feierabend, der uns wiederum sehr wichtig ist. Wie wäre es, wenn Wittingen eine ausgiebige Siesta bis 17 Uhr hätte und dafür Öffnungszeiten in allen Geschäften bis 22. Uhr?

Rentner der Landwirtschaft in Griechenland erhalten ein Altersgeld von 340 Euro. Sie klettern bis ins hohe Alter (ich kenne 80-jährige) in die Olivenbäume, weil sie ohne den Verkauf des Olivenöls nicht überleben können. Ist das keine Arbeit?

Lange Jahre habe ich in Griechenland gelebt und die harte Landarbeit mit gemacht. In der Weinernte, die im August ist, im heißesten Monat, waren wir beim ersten Morgengrau bereits im Weinfeld um viel zu schaffen bevor die Sonne zu sehr brennt. Das heißt, wir sind im Dunkeln schon los gefahren. Hat man da nicht eine Siesta verdient?

Zum Nord-Südgefälle in Italien kann ich nur sagen, das war schon in den 70er Jahren Unterrichtsstoff in der Schule. Herr Ippen erwähnt hier Italien und Europa. Aber wie sieht das im Kleinen aus? Betrachten wir nur unseren Landkreis Gifhorn. Deutlicher kann ein Nord-Südgefälle kaum sein. Sind wir hier im Nordkreis vielleicht faul und beharren auf unsere Siesta? Spielen hier nicht auch die Infrastruktur, die Anbindung an Ballungsgebiete und die Arbeitsmarktsituation eine große Rolle? Nicht immer kann man die wirtschaftliche Situation am Fleiß der Bevölkerung messen.

Zurück zu den Südeuropäern, den Griechen. Sicher gibt es in Griechenland viele alte Systeme (wie zum Beispiel die Taxi-Lizenzen), die geändert werden müssen. Im Zuge dieser Krise hat Georgios Papandreou die Macht der Not, hier Änderungen durchzusetzen. Ohne diesen wirtschaftlichen Druck hätte kein griechischer Politiker diese Systeme überarbeiten können. Und das die Betroffenen Panik und Existenzangst haben, ist wohl menschlich (nicht aber die Reaktion in Form von Streiks).

Erwähnt wird auch die „deutsche Exportlokomotive“. Was wäre denn diese Lokomotive ohne ihre Zielländer? Ist Deutschland nicht angewiesen auf diese Länder? Die wirtschaftsstarken EU-Länder hätten sich mit Sicherheit nicht so stark gemacht für die Krisenländer, wenn sie nicht selbst so stark von diesen profitieren würden.

Ich empfinde es als sehr bedauerlich, dass so viele Menschen in unseren Kreisen mit einer gewissen Verachtung von oben herab schauen auf die schwächeren Glieder der EU. Wie schnell kann doch jedes dieser Länder in einer ähnlichen Situation sein. Oder durch ein anderes Unglück, wie die Naturkatastrophe in Japan oder dergleichen in die Knie gezwungen werden. Wir sollten lieber dankbar sein, dass es uns noch relativ gut geht und den anderen Menschen dieser Erde das gleiche wünschen.

Anette Merandos

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