IK-Leserbrief

"Der Skandal liegt ganz woanders"

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Die Hankensbütteler Ratsherren diskutieren derzeit über eine Plakette zu Ehren Haeslers an der Karl-Söhle-Schule.

Zur Diskussion über eine Haesler-Plakette an der Karl-Söhle-Schule in Hankensbüttel erreichte die Redaktion folgende Lesermeinung:

Worüber streiten sich Hankensbütteler Ratsherren; bis hin zu verbalen Beleidigungen von der einen Seite und Ordnungsruf durch den Bürgermeister? Sie streiten über eine kleine Plakette für das ortsbildprägendste Gebäude im Ort. Dabei ist nachvollziehbar, dass es Menschen gibt, die wissen möchten, welcher geniale Architekt es entworfen hat.

Der „Skandal“ liegt ganz woanders. Wie kann man den Namen Haesler thematisieren und den Namen Hindenburg im Ortsbild undiskutiert lassen? Wenn ein Name nicht nach Hankensbüttel (oder in irgendeine deutsche Gemeinde) gehört, dann ist es der von Hindenburg. Die, die das anders sehen, kennen die Geschichte nicht oder haben andere Ziele.

Nach der sogenannten Tannenbergschlacht 1914 erreichte Hindenburg dank der auf ihn zugeschnittenen Propaganda eine ungeheure Popularität, die im Endeffekt dazu führte, dass er Chef der Obersten Heeresleitung (OHL) wurde. Als solcher erzwang er gegen die Erkenntnisse der zivilen Reichsregierung diktatorisch den uneingeschränkten U-Boot-Krieg mit seiner Garantie, dass die OHL den Krieg mit diesem Mittel in weniger als 6 Monaten siegreich beenden würde. Damit aber traten die USA in den Krieg ein und er war verloren.

Auch andere irren sich, wenn auch nur wenige so fahrlässig und in so gravierendem Ausmaß. Was ihn aber zu einer der beiden verhängnisvollsten Figuren der deutschen Geschichte macht, nahm ihren Ausgang mit seinen Lügengeschichten am Ende des 1. Weltkrieges. Vier Wochen vor der Matrosenrevolte in Kiel schrieb er an den Reichskanzler, der Krieg sei verloren und die Reichsregierung müsse innerhalb von 48 Stunden eine Waffenruhe herbeiführen.

Das ist dokumentiert. Bei der Untersuchung des Reichstags über die Ursachen des für Deutschland fatalen Kriegsendes setzte er die „Dolchstoßlegende“ in die Welt, indem er behauptete, Deutschland hätte den Krieg doch noch gewonnen, wenn es nicht zu den Matrosenaufständen gekommen wäre. Bewusst und unverfroren hat er Ursache und Wirkung vertauscht. So wurde die Zeit der Weimarer Republik politisch vergiftet und er wurde schließlich Reichspräsident und Hitler-Protegé.

Karl Söhle und Franz Töpel wäre es niemals recht, mit so einem auf eine Stufe gestellt zu werden. Auch deshalb gehört die Hindenburgstraße umbenannt. Für die Bedenkenträger sei erwähnt, der Aufwand dafür entspricht nur dem einer Ummeldung.

Sigurd Plesse, Hankensbüttel

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Leserbriefe geben die Meinung des unterzeichnenden Verfassers wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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