IK-Leserbrief

„Nach neuen Wegen suchen“

„Eine neue Landwirtschaftspolitik muss her“, findet IK-Leser Jürgen Rohde. Den einzelnen Landwirt treffe keine Schuld, es sei die Politik, die versagt.
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„Eine neue Landwirtschaftspolitik muss her“, findet IK-Leser Jürgen Rohde. Den einzelnen Landwirt treffe keine Schuld, es sei die Politik, die versagt.

Zu den Demonstrationen der Bauern und zur Agrarpolitik erreichte die Redaktion folgende Zuschrift:.

Um es vorwegzuschicken: Die demonstrierenden Landwirte haben meine Sympathie, nur die Argumente sind falsch; denn die Beschränkung des Stickstoffeintrags und des Einsatzes von Pestiziden ist überfällig.

Die Hauptstoßrichtung des Protestes sollte vielmehr die völlig verfehlte Agrarpolitik sein. Jahrelang hieß das Motto: größer und mehr, und plötzlich tritt man auf die Bremse, aber bremsen und Gas geben gleichzeitig funktioniert nicht. Wachstum – als Ideologie unseres Wirtschaftssystems mehr als problematisch – stößt in der Landwirtschaft an seine Grenzen.

Natürlich ist die Landwirtschaft an der Verödung unserer Landschaft Schuld. Nur trifft die Schuld nicht die Bauern, sie haben sich nur so verhalten, wie es ihnen die Politik vorgegeben hat. Die Agrarpolitik der vergangen 60 Jahre ist krachend gescheitert, nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch. Wieso regt sich kein Mensch über das Verschwinden der vielen kleinen und mittleren Familienbetriebe in der Landwirtschaft auf, die dem Marktdruck nicht standhalten konnten?

Der Grundfehler liegt darin, dass man die Landwirtschaft von vornherein in unser System der Marktwirtschaft eingegliedert hat. Nur, der Bauer arbeitet mit der Natur, und da gelten Natur- und nicht Marktgesetze. Wenn da ein System überlastet ist, bricht es zusammen.

Aus einem weiteren Grund musste das Experiment schief gehen. Ein Mehr und Größer findet seine Grenzen in der Fläche, die der Bauer bewirtschaften kann. Alle Bemühungen der Landwirtschaft in der Vergangenheit laufen darauf hinaus, dieses Dilemma zu umgehen, indem man die Effizienz zu steigern versuchte: Flurbereinigung, Entwässerung der Feuchtgebiete, Waldum-wandlungen, Vergrößerung der Mastanlagen, verstärkter Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden. Aber alles ging zu Lasten der Biodiversität in der Natur.

Kurz gesagt: Eine neue Landwirtschaftspolitik muss her ohne Wachstumszwang, dem die kleineren Betriebe ohnehin schon nicht mehr standhalten konnten. Mit Blühstreifen und Lerchenfenstern ist es nicht mehr getan, Vertreter des Bauernverbandes und der ökologischen Landwirtschaft, Ökonomen, Vertreter der Naturschutzverbände und die Politik müssen gemeinsam nach neuen Wegen suchen. Ein Landwirt hat es am Rande einer Demonstration auf den Punkt gebracht: „Wir machen alles, nur müssen wir wissen, was. Wir brauchen Planungssicherheit.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ein fertiges Konzept kann ich nicht nennen, zumal ich kein Fachmann bin; aber der ökologische Landbau und der Vertragsnaturschutz werden sicher eine wichtige Rolle spielen. Übrigens: Öko-Bauern fehlen bei den Protesten der Landwirte gegen die neue Düngeverordnung.

Am Schluss sei noch einmal gesagt: Den einzelnen Landwirt trifft keine Schuld, es ist die Politik, die versagt.

Jürgen Rohde, Hankensbüttel

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