„Mehr Verlust als Segen“

Zum Thema „Fusion der Jägerschaften“ schreibt Dr. Michael Marmetschke aus Hankensbüttel:

„Fusion“, ein Schlagwort unserer Zeit. Alles fusioniert, Unternehmen, Verbände – jetzt auch Jägerschaften! Grundsätzlich steckt hinter dieser Entwicklung die Stärkung einer Einheit im Sinne finanzieller oder ideeller Interessen. Wirtschaftliche oder andere vermeintliche Vorteile müssen dafür aber nicht immer ausschlaggebend sein. Was steckt eigentlich hinter einer Fusion? Welche Antworten liefern uns Beispiele aus der Industrie? Unternehmen suchen ihre Synergieeffekte in Form von Produktivitätserhöhung, Kosteneinsparung oder Steuervorteilen. Oft wird aber nach Vollzug einer Fusion festgestellt, dass die angekündigten Vorteile durch die Größen- und Komplexitätsnachteile zunichte gemacht werden. Vor allem aber verlieren die Beteiligten ihre angestammten Funktionen und einen über lange Zeit erarbeiteten Besitz- aber auch Wissensstand. Diese Sachverhalte führen deshalb auch immer wieder zum Zerfall fusionierter Organisationen, da die eigentlich Betroffenen oft unzureichend vertreten werden. Die Jagd aber lebt wie der Mitarbeiter in einem Unternehmen mit seinem Wissen und seinem Engagement für die Sache vor Ort. Identifikation, Motivation und die direkte Einflussnahme sind und waren schon immer das Aushängeschild einer verantwortlich handelnden Jägerschaft. Das beweist vor allem die langjährige und auch unabhängige Geschichte der Kreisjägerschaft Gifhorn-Nord. Warum bedarf es da noch einer Fusion und warum soll die Jägerschaft des Nordkreises ausgerechnet diesen Schritt jetzt wagen? Viele Jäger Fragen nach dem Sinn eines solchen Schrittes nach Jahrzehnten des erfolgreichen Bestehens der Jägerschaft des Nordkreises. Fusion – und das bei immer stärker werdender Unselbständigkeit unserer Bevölkerung? Große für die Fusion sprechende Argumente sind zur Zeit immer wieder die Jungjägerausbildung oder wie schon so oft Verhandlungen mit dem Landkreis. Allerdings ist über die Jahre festzustellen, dass die Kreisjägerschaft Gifhorn-Nord und Süd sich in diesen Fragen schon immer unabhängig voneinander bewegt und konstruktiv miteinander gelebt haben. Man hat voneinander gelernt und miteinander gelebt. Die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass es vor allem bei der individuellen Betrachtung von Natur und der damit verbundenen Aufgabe vor Ort, der Lösung durch den letztlich alleinverantwortlich handelnden Jäger bedarf. Nur er allein agiert im Kontext mit den individuell ausgeprägten Instrumenten der ihm vertrauten Jägerschaft in seinem Revier. Mehr Entfremdung und externe Einmischung verträgt dieses gewachsene Band nicht. Die Gleichgültigkeit unserer Gesellschaft nimmt bedauerlicherweise besorgniserregende Züge an. Das auch bei den Jägern! Gerade die Individualität und die dem Jäger zugesprochene Verantwortung muss uns motivieren einiger zu sein. Vor allem sind es Werte, die es Jägern und Jungjägern wieder sinnvoll erscheinen lassen sich für die Jagd einzusetzen. Beste Beispiele für eine andere Form des Zusammenspiels von Jägerschaften ohne die Notwendigkeit der Fusion sind der Landkreis Göttingen, die Region Hannover und viele mehr. Warum also die Fusion, wenn viele Jägerschaften unabhängig voneinander zusammenarbeiten? Und schon sind wir wieder bei der Industrie angelangt. Diese braucht im internationalen Wechselspiel zwar Größe und Zusammenschluss, dennoch ist sie auf die Lösung vor Ort angewiesen. Das hat dazu geführt, dass es zwar große Einheiten gibt, diese jedoch immer mehr auf unabhängige Untereinheiten blicken können um sich den wechselnden Marktverhältnissen je nach Fall besser anpassen zu können. Risiken gibt es eben überall ! Bei dieser Gelegenheit sollte auch darauf verwiesen werden, dass eher die komplexe Zusammenarbeit stark macht als eine fremdbestimmte Einigkeit, welche häufig doch nur im Zerfall einer Organisation mündet. Beispiele aus Wirtschaft und Verbandswesen gibt es zuhauf. Ursachen für einen derartigen Zerfall sind wie gesagt immer wieder der Individualitätsverlust der Betroffenen und das damit einhergehende Desinteresse an einer Mitarbeit in einer Organisation, welche dann doch nur nach oben weiterfusioniert oder am Ende gar schließlich selbst in sich zerfällt. Deshalb sollte es das höchste Ziel der Kreisjägerschaft Gifhorn-Nord sein, in eigenständiger Regie die bisherige traditionsreiche und unabhängige Zusammenarbeit fortzuführen. Mitglieder, Jungjäger und Naturfreunde sollten gemeinsam sowie aktiv die Möglichkeit nutzen, sich aus moderner Perspektive heraus der Jagd neu anzunehmen. Tradition, Erfahrung, wissenschaftliche Erkenntnisse, individuelles Engagement sowie der Wille heranwachsender Jungjäger und Jungjägerinnen bringen ein ungeahntes Ideenpotential mit sich, welches sich durch eine bloße Fusion der Jägerschaft so nicht mehr erschließen lässt und für immer verlorengeht. Aus den zuvor genannten und aus Industrie und Verbandswesen belegbaren Gründen spricht eine Fusion aus Sicht der Kreisjägerschaft Gifhorn-Nord eher für einen unwiederbringlichen Verlust als für einen Segen. Die Abhängigkeit steigt und die Individualität sinkt. Aus den genannten Gründen sollten verantwortlich handelnde Jäger und somit auch Bürger die Fusion und die Konsequenzen aus dieser kritisch hinterfragen. Mitglieder müssen sich reiflich überlegen einer derartigen Aufgabe der Selbständigkeit zuzustimmen.

Michael Marmetschke

Hankensbüttel

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