IK-Leserbrief

„Mehr als Menge und äußerer Schein“

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(Symbolbild)

Karl-Heinz Gauert aus Zasenbeck mit Nachdenklichem zur Erntezeit:

Ernte ist älter als Ackerbau. Was frühe Völker in den Wäldern sammelten, diente zur Nahrung: Pilze und wilder Honig, Früchte, Samen, Blätter und Wurzeln. Später lernte man allmählich die Dreifelderwirtschaft, eine Fruchtfolge von Winterkorn, Sommerkorn und Brache. Die Ernteerträge wuchsen von Jahr zu Jahr.

Aber es gab auch immer wieder Not- und Hungerzeiten, so dass auch Bauern und Gutbesitzer hungerten. Aber nie vergaßen sie zu danken für die Gaben des Himmels und der Erde. Die Bitte um gute Ernte und der Dank dafür sind so alt wie die Ernte selber.

„Wir binden den Plon“ (Garbe) zum Erntedank, eingedenk des schönen, altüberlieferten Brauchs meiner bäuerlichen Großeltern aus Masuren. Aus den Ähren der letzten Garben, gesondert gemäht, wurde der Erntestrauß, der Plon, gewunden. Körner daraus wurden unter die neue Aussaat gemischt; so rundete sich das Jahr zu einem Kreis. So erzählten es mir meine Großeltern, mit Tränen in ihren Augen, denn sie waren sehr stolz auf ihr Brauchtum.

Jetzt aber wo es kein Ostpreußen mehr gibt, und auch in Niedersachsen viele Menschen in großen Städten leben, das Miterleben von Saat und Ernte nicht mehr so umschließt wie einst, so sind wir doch wie alle Menschen dieser Erde in die ewig gültige Ordnung des bäuerlichen Jahres hineingestellt und des sichtbaren Segens teilhaftig. Deshalb werden wir auch diese erfüllte Zeit nicht vorübergehen lassen, ohne ein Erntefest zu feiern und unsere tiefe Dankbarkeit und das Wissen um den kostbaren Besitz des täglichen Brotes zu bezeugen.

Der Mensch gehörte und diente dem Land, und nicht nur das Land dem Menschen. Denken wir an unsere Höfe, an unsere Pferde und Rinder, die reichlich Mist lieferten für Äcker und Weiden, an unser Federvieh, das auf dem Rasen nach Würmern und Körnern suchte? In lebendigem Kreislauf gediehen miteinander Pflanzen, Tiere und Menschen.

Mehr und mehr trauern wir um das Bauernland in Deutschland, um die Höfe, die nicht mehr leben können, wenn sie sich nicht beschränken auf einzelne Massenerzeugnisse. Einige Höfe werden zu Agrarfabriken. Ohne Freude, ohne Liebe wird erzeugt und ohne Rücksicht auf das, was unserer Nahrung den Wert gibt im Dienst für Erhaltung und Gesundheit des Menschen.

Wenn wir die Natur auf das reduzieren, was wir verstanden haben, sind wir nicht überlebensfähig.

Versuchen wir also, statt nur zu haben und genießen zu wollen, jeder an seinem Platz verantwortlich zu handeln, in der richtigen Auswahl dessen, was uns bekömmlich ist im richtigen Maß, im Bewerten der Güte, die uns mehr gelten sollte als Menge und äußerer Schein.

Karl-Heinz Gauert, Zasenbeck

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Leserbriefe geben die Meinung des unterzeichnenden Verfassers wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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