IK-Leserbrief

„Jugendparlament gab es bereits 1995“

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(Symbolbild)

Zum IK-Artikel „Jugendliche sollen sich beteiligen können“ vom 13. September, schreibt ein IK-Leser:

Bevor Fehlinformationen über die Einbindung von Kindern und Jugendlichen bei politischen Entscheidungen aufkommen, möchte ich als ehemaliger Stadtjugendpfleger einige Informationen zu diesem Thema bekannt geben.

Zu Beginn der 90er Jahre stand die Politik vor einem ähnlichen Problem: Hier suchte man Wege aus der Politikverdrossenheit der Jugendlichen. Rat, Verwaltung und Jugendarbeit waren sich einig, dass ein Jugendparlament der bestmögliche Weg sei und installierten 1995 ein Jugendparlament in der Stadt Wittingen für Jugendliche im Alter von 10 bis 18.

Diese Jugendlichen wählten aus einer Liste ihre Kandidaten an den von ihnen besuchten Schulen (auch BBS und Gymnasium). Die Jungpolitiker kamen nicht nur aus Wittingen, sondern unter anderem aus Knesebeck, Ohrdorf und Radenbeck.

So setzte sich das erste Parlament, das im kleine Sitzungssaal des Wittinger Rathauses tagte, aus 11 Jugendlichen (5 GYM, 1 RS, 1 HS, 1 OS, 1 AZUBI, 1 FS) zusammen. Erster Bürgermeister wurde der Kurde Ali Abaci (inzwischen ein anerkannter Facharzt), später folgte Viola Mattathil (inzwischen in der „großen“ Politik). Soviel zur Integration. Später folgte Viktoria Stein (heute Juristin).

Da es in ganz Norddeutschland wenige reine Jugendparlamente (Cloppenburg, Löningen, Gehrden, Laatzen Munster Wedemark) gab, wurden die Sitzungen häufig von regionaler und überregionaler Presse und Medien (Life-Radio ffn) besucht, um über die Arbeit zu berichten. Der NDR verfasst im Regionalprogramm ein filmisches Portrait der Bürgermeisterin Viktoria Stein. Parlamentsmitglieder wurden zu Berichten an Universitäten, Kommunalverwaltungen et cetera eingeladen. Bald war für die Jugendlichen der Umgang mit den Medien „normal“.

Arbeitsinhalte des Parlaments waren Themen, die Kinder und Jugendliche betrafen. So machte das Parlament unter anderem eine Bereisung der Spielplätze und Freizeiteinrichtungen im gesamten Stadtgebiet.

Mängel oder fehlende Sachen wurde an die Stadt beziehungsweise den Ausschüssen weitergeleitet, die diese dann behandelten und in vielen Fällen sofortige Abhilfe schafften. Die Resultate wurden vom damaligen Bürgermeister Lothar Schoss oder dessen Stellvertreter Friedrich Lührs dem Parlament auf dessen nächster Sitzung mitgeteilt.

Wissenschaftlich betreut wurde das Konzept durch die Uni Braunschweig; die spätere Professorin Ingrid Burdewick schrieb ihre Doktorarbeit zum Thema Jugendparlamente.

Leider sind nicht viele Parlamentarier, wie damals erhofft, bedingt durch Ausbildung, Studium oder Wegzug, in die Kommunalpolitik eingestiegen.

Reiner Rode, Knesebeck

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Leserbriefe geben die Meinung des unterzeichnenden Verfassers wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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