IK-Leserbrief

„Ist das nicht eine Schande?“

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Blumenwiesen werden immer seltener: „In unserer ausgeräumten Landschaft gibt es kein Nahrungsangebot mehr für unsere Wildbienen und andere Insekten“, sagt IK-Leser Hans-Jürgen Riedel.

Zum Artikel „Es blüht Euch was“, IK vom 16. April, erreichte die Redaktion folgende Zuschrift:

Alle Frühjahre wieder beginnen die sicherlich gut gemeinten Aktionen zum Schutz der Bienen. Seien es groß angelegte Bauten von Insektenhotels durch Vereine, das Säen von Blumenwiesen durch Schulkinder oder das medienwirksame Anlegen von Blumenwiesen vor Rathäusern.

Die erste publizierte Aktion dieses Jahres ist das Verteilen von Saatbeuteln an Bürger in Schönewörde, gemeinsam initiiert von Gemeinde und Imkern. Jeder Beutel ist gut für 100 Quadratmeter Blumenwiese. Das hört sich doch erst mal gut an.

Nur wozu dient das? Ist es der Einsatz gegen das große Insektensterben? Ist es der Einsatz gegen die Verödung von Landschaften, vor allem außerhalb der Ortschaften, dem eigentlichen Grund des Insektensterbens?

Meistens werden Aktionen dieser Art mit einjährigem, oftmals nicht regionalem Saatgut durchgeführt. Kurz gesagt: nutzlos für die meisten bedrohten Insektenarten. Dieses Saatgut erfüllt seinen Zweck lediglich durch ein kurzes Futterangebot für Nahrungsuniversalisten. Seltene Wildbienenarten sind meist Nahrungsspezialisten, genauso wie die Raupen gefährdeter Schmetterlinge. Einjährige Saatmischungen stehen den Insekten nicht im Winter zur Verfügung. Gerade im Winter benötigen sie die Pflanzenreste für ihre Puppen und Eier, und sie dienen auch als kostenloses Wintervogelfutter.

Kurz gesagt: Einjährige Saatmischungen dienen dem menschlichen Auge und der Beruhigung des ökologischen Gewissens. Seht her, ich tue etwas für die Natur! Gesagt, getan und weiter läuft der Mähroboter.

Wenn Imker Saatbeutel für ihre Bienen verteilen, sollte das eigentlich ein weiteres Alarmzeichen sein. Imker müssen ihre Bienen ab ca. Juli füttern, weil es in unserer ausgeräumten Landschaft kein Nahrungsangebot mehr gibt. Nur, unsere Wildbienen und anderen Insekten füttern wir nicht.

Zwei Zahlen sollten uns zu denken geben: Im Stadtgebiet Berlin wurden 2016 47 Kilogramm Honig pro Bienenvolk geerntet, der Landesdurchschnitt lag bei 30 Kilogramm (Der Spiegel, 02.2017). Die Städte bieten unseren Bienen mittlerweile mehr als das Land. Ist das nicht eine Schande?

Ich hoffe, die Saatbeutel in Schönewörde beinhalten mehrjähriges regionales Saatgut und die Pflanzenreste bleiben den Winter über stehen. Vielleicht sollte es Honiggläser als Geschenk für teilweise unaufgeräumte, mit Hecken, Büschen und Wildkräutern bepflanzte Gärten geben.

Lassen Sie mich mit einem Zitat (sinngemäß) einer amerikanischen Biologin enden: Die Honigbiene als Beispiel für das Insektensterben ist wie das Huhn als Beispiel für das Vogelsterben.

Hans-Jürgen Riedel, Langwedel

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Anm. d. Red.: In Schönewörde kam laut Bürgermeister Gerald Flohr einjähriges, zugelassenes Imkersaatgut zum Einsatz.

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Leserbriefe geben die Meinung des unterzeichnenden Verfassers wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

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