„Auf dem Lande“

Manuela Prüser aus Dedelstorf zur geplanten Erweiterung der Schweinemast in Dedelstorf:

Bereits vor 14 Tagen trafen sich viele geruchsgebeutelte Dedelstorfer Bürger, um über die Mitteilung aus den Medien, dass die Familie Warnecke eine Erweiterung ihrer Schweinemasthaltung durch den Neubau eines Stalles für rund 1900 Schweine, eines Güllebehälters sowie vier Futtermittelsilos plante, zu sprechen. Wir kamen überein, den Antragsteller zu einer „Fragestunde“ zu bitten, um über die Ängste und Sorgen der Einwohner zu diesem Bau, der direkt vor den bereits bestehenden Ställen entstehen soll, zu sprechen. Es wurden viele Fragen gestellt – und es wurde vieles in Frage gestellt. Und für die uns, die Einwohner, wurde es nicht nur eine Fragestunde, es wurde vielmehr eine Lehrstunde.

Wir lernten, dass die Standorte der Ställe nicht innerhalb des Ortes liegen, da das Ortsschild direkt hinter dem letzten Stall steht und somit das Ortsbild nicht beeinträchtigt wird. Wir lernten, dass der teilweise unerträgliche Geruch, der fast täglich über dem Ort liegt, damit zu tun hat, dass wir „auf dem Lande“ wohnen, dort hätte man damit zu leben – und die Fenster zu schließen. Wir lernten, dass es keinen vermehrten Geruch durch weitere 1900 Schweine geben wird, also sind es die bestehenden Ställe, die uns das Leben „vermiesen“. Wir lernten, dass die Frage nach einer Wertminderung unserer Wohnhäuser, die einen eventuellen Verkauf unmöglich macht, damit zu tun hat, dass wir keine Schule, keine Einkaufsläden usw. haben und somit als Wohnort unattraktiv sind – folglich gerade richtig für die Haltung von fast 4000 Mast-Schweinen.

Wir lernten, dass Gutachten Beweise schaffen – so gibt es keine Gesundheitsgefahren durch Verunreinigung unseres Grundwassers, kein erhöhtes Verkehrs- und Lärmaufkommen und keine Emissionswerte, die von dem Einreichen einer Baugenehmigung abhalten. Wir lernten, dass der stellvertretende Landrat Werner Warnecke, zu dessen Aufgaben und Anliegen es gehören sollte, für die Sorgen und Interessen aller Menschen seiner Region einzustehen, dies nicht einmal in seinem eigenen kleinen Wohnort umsetzen kann und will – vielmehr wurde uns wiederholt deutlich gemacht, dass wir kein Entgegenkommen, kein Verständnis und nicht mal ansatzweise eine Bereitschaft zu Verbesserung der jetzigen Situation zu erwarten haben. Wir wussten bereits vorher, dass wir den Fortschritt und die Erweit

erung bzw. Sicherung landwirtschaftlicher Existenzen nicht aufhalten können – dies wollen wir auch nicht, lag nie in unserer Absicht. Doch wenn Baumaßnahmen das Lebens fast eines gesamten Dorfes zum Negativen beeinträchtigen und wir feststellen müssen, dass der gemeinsame Versuch, anderweitige Lösungen und Kompromisse zu finden, gar nicht gewollt ist, ist die Enttäuschung groß. Wir lernten aber auch, und das war das Schönste und Wertvollste, dass wir in unserem kleinen Dedelstorf eine intakte Dorfgemeinschaft haben, zusammen halten können und gemeinsam den Mut haben, für eine Lösung unserer jetzigen teilweise unerträglichen Lebenssituation einzustehen.

Manuela Prüser

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare