„Wenn CCS kommt, werden wir uns nach einer neuen Heimat umsehen“

Zu den Gefahren der geplanten CO2-Verpressung in der Altmark schreibt Dr. Dirk Frenzel, Facharzt für Anästhesie und Notfallmedizin und vertreter der Bürgerinitiative „Energiewende“ in der Region Beetzendorf:

Nach einigen Wochen intensiver Einarbeitung in das Thema „CO2-Forschungsspeicherung in der Altmark“ glaube ich mich nun dazu äußern zu können und zu müssen. Noch mal kurz: CCS, die Abscheidung und Speicherung von CO2 aus Braunkohlekraftwerken für mindestens 1000 Jahre, soll in der Altmark durch Verpressung von 100 000 Tonnen CO2 in Maxdorf in das Erdgaslagerfeld unter uns erprobt werden. Die Idee der Betreiber: Erstens sind wir den Klimakiller los, zweitens lässt sich die Ausbeute des doch fast erschöpften Erdgasfeldes steigern. Nur ein entsprechendes Bundesgesetz steht aus, einen Entwurf dazu gibt es, losgehen könnte es ab dem 2. Januar 2011.

Was nun bewegt mich, bei diesen guten Gründen dennoch mit aller Kraft dagegen zu sein? Das Hauptproblem für mich lag zunächst in der Recherche von verlässlichen Informationen, die weder ideologisch noch parteipolitisch gefärbt sind. Dabei bin ich auf vor allem zwei Quellen gestoßen. Das härteste Argument geht von der Allianz der Öffentlichen Wasserwirtschaft (AÖW) aus, die sicher frei von jeglicher Ideologie und Parteipolitik ist. Die AÖW hat sich klar gegen CCS positioniert und tut vieles, um dies abzuwenden (www.aöw.de). Warum? Es besteht die reale Gefahr, dass im Falle von CCS das Grundwasser großflächig dauerhaft und unumkehrbar mit schwermetallhaltiger Kohlensäure aus den tiefen Erdschichten verseucht wird. Die Auswirkung für die Bevölkerung hier: Trinkwasser aus dem Bodensee, nur gute 750 Kilometer weiter. Die Konsequenz für den Trinkwasserpreis ist einfach und mag jedem zum Ausmalen überlassen sein. Eine nicht minder schlagkräftige Argumentation gegen CCS kommt vom Umweltbundesamt 2009 selbst, für jeden nachlesbar (http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/3804.pdf): Verdrängung von hochsalzhaltigem Tiefengrundwasser in oberflächliche Schichten mit Versalzung von Böden und Oberflächengewässern, Absterben von Pflanzen, Mobilisierung von Schwermetallen usw. Keine geeigneten Verfahren für die dauerhafte Überwachung des Gases, bislang keine konkreten Reparaturmöglichkeiten bei plötzlichem Austritt aus einem der ca. 600 Bohrlöcher, deren Zementfüllung nicht für Kohlensäure gedacht war. Ach ja, bei Freisetzung großer Mengen CO2 Erstickungstod von Tier und Mensch – fast vergessen. Steigerung des Rohstoffbedarfs um 40 % durch Energieaufwand für Verpressung, somit Abnahme des Wirkungsgrades der Kraftwerke auf 30 %. Keine ausreichende Lagerkapazität in Deutschland, damit kein wirtschaftlicher Nutzen für Deutschland. Und schließlich, so das UBA: Einhaltung der Klimaschutzziele auch ohne CCS möglich.

Man könnte jetzt noch einen CDU-Bundestagsabgeordneten von der Marwitz zitieren, der etwas von Verdopplung des Strompreises durch CCS schreibt.

Meine Bewertung: Es gibt reale Gefahren (Bodenversauerung und CO2-GAU durch Explosion eines Bohrloches), die unsere Landespolitiker dazu bewegen, die Haftung nach 30 Jahren vom Betreiber nicht auf das Land, sondern wegen zu erahnender immenser Schadenskosten auf den Bund übertragen zu wollen.

Laut Ärztlichem Leiter Rettungsdienst des Altmarkkreises gibt es beim CO2-GAU keine Möglichkeit der Rettung aus einer CO2-Blase. Ach ja: Nach 30 Minuten in 8 % CO2 ist man übrigens mausetot ...

Darüber hinaus sehe ich mein Altwerden in meiner Wahlheimat gefährdet, da ich befürchten muss, in 30 Jahren mein Trinkwasser nicht mehr bezahlen zu können. Wie der Ertrag wohl in meinem Garten bei Bodenversauerung wird? Wie überhaupt kann unsere Landwirtschaft dann funktionieren? Wie wärs mit säureresistentem Genmais? Was macht die Gastronomie mit teurem Trinkwasser? Kommen überhaupt noch Gäste? Wer wohnt dann eigentlich noch hier? Wir wohl nicht. Wenn CCS kommt, werden wir uns wohl schwersten Herzens nach einer neuen Heimat umsehen müssen, da wir befürchten müssen, dass uns mit CCS die Lebensgrundlage zum Altwerden in unserer liebgewordenen Altmark genommen wird. Sehr schade wäre das, aber wenn man uns hier als Versuchskaninchen missbrauchen will, gehen wir woanders hin. Ob das erneut Sachsen-Anhalt wird, liebe Stadelmänner, Haseloffs und Aeikens, ist dann eher unwahrscheinlich. Vielleicht kommen ja andere, die sich über noch niedrigere Immobilienpreise freuen.

Schluss mit dem Lamentieren: Ich rufe Sie alle herzlich und eindringlich auf, sich zu informieren (http://www.kein-co2-endlager-altmark.de), zu diskutieren und alles zu tun, was Sie können, damit CCS nicht kommt und unsere Altmark gefährdet. Das kann heißen, im Sportverein, in der Elternschaft oder der Feuerwehr eine Resolution anzustoßen, auch mal bei Regen auf eine Demo zu gehen oder sich am Tag X einer zufälligen kollektiven Autopanne bei Maxdorf anzuschließen. Dabei kann man dann schon mal einen Eindruck gewinnen wie es aussieht, wenn mangels Sauerstoff beim CO2-GAU die Motoren ausgehen – das jedoch dürften die meisten Autoinsassen dann gar nicht mehr mitbekommen.

Für die, die mir jetzt vorwerfen, ich sei gegen alles: Es gibt genug, wofür ich bin. In einer solch konkreten Gefahr muss es erlaubt sein, mit größtem Nachdruck einfach nur dagegen zu sein. Wir brauchen und wollen CCS nicht!

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