Leserbrief

„Von Viehhandel-Tradition spüre ich leider nicht viel“

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Pferdemarkt (Symbolbild).

Kathrin Ludwig aus Stendal äußert sich kritisch zum Havelberger Pferdemarkt:

„Superschön für Tierliebhaber“. Dieses Resümee eines Pferdemarktbesuchers lese ich im Internet. Etwa 200 000 Menschen zieht es jährlich am ersten Septemberwochenende nach Havelberg und es werden immer mehr. Die rund 100 Betreiber spektakulärer Vergnügungsunternehmen, ob aus Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen, sind des Lobes voll: „Hier wird sich gut gekümmert um die Schausteller.“

Menschen, die diese Art Unterhaltung suchen, kommen scheinbar voll auf ihre Kosten. Doch die Pferde, die dem Markt ihren Namen geben und ihm einen ganz besonderen Charakter verleihen sollen, sind nach meiner Beobachtung mehrheitlich überfordert und gestresst. Von Viehhandel-Tradition spüre ich leider nicht viel. Die zahlreich vorbeiflanierenden Besucher nehmen die große Nervosität der Pferde wahr. Viele der vorgeschriebenen Paddocks sind zu eng, die Tiere können sich gerade mal umdrehen, haben an keiner Seite einen Rückzug. Einige aufmerksame Gäste bedauern, dass man den Tieren nicht mehr Abstand gewährt hat, um sie vor den massenhaften direkten menschlichen Kontakten zu schützen.

Obwohl das Veterinäramt Stendal in diesem Jahr erstmalig beauflagt hat, dass kein Pferd angebunden stehen darf, realisiere ich an der großen Zahl der Verstöße, dass eine Kontrolle darüber wohl nicht möglich ist. Ein kleines Pferd steht auf der Fußgängerseite des Paddocks angeleint, es zittert, der ganze Körper ist unruhig, es schlägt mit Kopf und Schweif. Den einzigen Schritt, den es machen kann, wiederholt es immer und immer wieder. Fremde Menschen tätscheln es im Vorbeigehen.

Den zahlreich zum Kauf angebotenen Kleintieren geht es nach meiner Beobachtung kaum besser. Hundewelpen liegen in einem mit Kaufpreis versehenen Käfig am Boden. Ziervögel kauern in teilweise dreckigen Bauern angstvoll aneinander oder stehen hinter einem Biertisch in Käfigen zum Mitnehmen aufgereiht. Junge Ziegen blicken aus der Dunkelheit eines mit Streu versehenen Anhängers. Unvorstellbar, wenn ich dabei an meine eigenen Haustiere denke!

Im Programm lese ich, dass es in jeder Nacht um 1.30 Uhr eine Party mit DJ gibt und am Sonntag um 21 Uhr ein Höhenfeuerwerk. Alles bestimmt superschön – für den, der es mag. Aber heißt Traditionspflege des Pferdemarktes wirklich, den Tieren weiterhin unsere laute, helle, technisierte und mit Menschen oft überfüllte Art von modernem Jahrmarkt aufzuzwingen?

Kathrin Ludwig, Stendal

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