Neuekrug: Kirsten Reinberger über Industriemast vor ihrer Haustür

„Es nervt, verletzt und strengt an“

Kirsten Reinberger aus Neuekrug schreibt über die Hähnchenmastanlage, die ein Landbesitzer gern dort bauen möchte:.

Leserbrief

Letztes Jahr um diese Zeit war meine Welt noch in Ordnung. Hauptgedanke war: Was koche ich für meine Familie und wie bestelle ich meinen Garten – nehme ich noch mal die Tomatensaat vom letzten Jahr und welche Gurkensorte ist ideal zum Einkochen?

Dieses Jahr ist alles anders. Von der Frühjahrsbestellung keine Spur und auch der Blick in den Einkaufswagen ist mehr als kritisch – jedes Lebensmittel gedreht, gewendet und misstrauisch beäugt. Mit dem Bekanntwerden, dass eine industrielle Hähnchenmastanlage in Neuekrug errichtet werden soll, steht die Welt auf dem Kopf. Plötzlich befindet man sich in einer neuen Umlaufbahn: Bürgerinitiative, Versammlungen, Diskussionen, BUND, Zeitungsberichte – kurz: Große Unruhe macht sich breit in unserer beschaulichen Gemeinde. Wie wird es weitergehen? Alle Sorgen und Befürchtungen rund um das Thema Hähnchenmast wurden lang und breit debattiert.

Befürworter und Gegner rangeln um ihr Recht und – ganz ehrlich – mir wird schlecht bei dem Gedanken, dass dieses Gezerre um die Wertschätzung von Mensch und Tier wohl über Jahre so weitergehen könnte (in vielen Orten mit Industriemastproblemen bis zu drei bis vier Jahren und länger). Das Wort Hähnchenmast hängt uns allen doch schon aus den Ohren raus, oder?

Bürger und Bürgerinnen, Bürgermeister, Gemeinderat, Bauausschuss und selbst der Investor Herr Huster – wir alle sind gerade dabei, uns zum Spielball der Großkonzerne machen zu lassen. Entspannt zurückgelehnt, wird von Frikifrisch zugeschaut: Was geht uns auch das Elend anderer Leute an – in unserem Fall das der Gemeinde Diesdorf? Die Frikifrisch-Gruppe als deutsche Tochter des riesigen niederländischen Plucon Royal Konzern klar ist da Geld im Spiel -– was für uns die Existenz bedeutet, sind für die nur Peanuts.

Wenn wir weiter dieses Spiel mitmachen und die Anlage erst einmal steht, werden wir alle nur verlieren: Herr Huster seine berufliche Unabhängigkeit und sein Gesicht als Mann, dessen Wort zählt, die Gemeinde das Vertrauen ihrer Bürger, und die Bürger ihre Lebensqualität und Existenz.

Was hier gerade in unserer Gemeinde zum Thema Hähnchenmast abläuft, nervt, verletzt und strengt an. Noch ist der Schaden gering, noch können wir alle mit dem Schrecken davonkommen. Dem Konzern Frikifrisch ist es doch egal, die zucken entspannt mit den Schultern: „Nun gut, suchen wir uns halt einen anderen Spielplatz.“

Schön, wenn bald das friedliche ländliche Idyll wieder einkehren könnte und es Platz für die schönen Seiten des Lebens gibt. Nur eines, das sollte in Zukunft bleiben – der kritische Blick in den Einkaufswagen.

Leserbriefe geben die Meinung des unterzeichnenden Verfassers wieder, mit der sich die Redaktion nicht immer identifiziert. Alle Leserbriefe auch unter www.az-online.de.

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