Leserbrief

„Medizinisch ist eine Impfpflicht nicht zu begründen"

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(Symbolbild)

Allgemeinmediziner Dr. med. Ilja Karl aus Kalbe äußerst sich zur derzeit diskutierten Impfpflicht gegen Masern:

Wozu eine Impfpflicht? Masern können gefährlich sein. Infektion und Erkrankung können durch Impfung vermieden werden. Und sie sind selten: Nach Angaben der WHO für das Jahr 2018 gab es in Deutschland 6,46 Masernerkrankungen pro einer Million Einwohner. In Österreich waren es 8,8 Erkrankungen, in den Niederlanden 1,4, in Dänemark 1,39, in Frankreich 44,66 und in Italien 42,45 Fälle je einer Million Einwohner.

Deutschland steht also gar nicht mal so schlecht da im europäischen Vergleich. Deutschland hatte 2017 eine Durchimpfungsrate von 97 Prozent für die erste und 93 Prozent für die zweite Masern-Impfung. Das heißt, 97 Prozent der Kleinkinder in Deutschland haben verantwortungsvolle Eltern, die ihre Kinder impfen lassen. Das ist sehr gut.

Das soll nun durch eine Impfpflicht besser werden? Weder haben wir überdurchschnittlich viele Masern-Fälle zu verzeichnen noch stellen Impfgegner eine nennenswerte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit dar. Hinzu kommt, dass ein bedeutender Anteil der Masernerkrankten 2018 zwischen 15 und 39 Jahre alt war. Diese Altersgruppe wäre mit einer Impfpflicht nicht sinnvoll zu erreichen. Rechtlich bietet das Infektionsschutzgesetz mit den Paragrafen 28 und 32 der Landesregierung und nachgeordneten Behörden die Möglichkeit, im Falle einer Epidemie Verordnungen zu erlassen und Verbote auszusprechen. In Sachsen-Anhalt mit neun Masern-Erkrankungen 2017 und zehn Erkrankungen 2018 war das bisher nicht nötig.

Aus ethischer Perspektive lässt eine Impfpflicht den Respekt vor der Patientenautonomie vermissen. Ob eine Impfpflicht tatsächlich zu einer Abnahme von Erkrankungen führt, muss mit Blick auf die Zahlen der WHO zur Region Europa offen bleiben. Von den 18 Ländern, die eine geringere Rate an Masern-Erkrankungen haben als Deutschland, haben 14 dies ohne Impfpflicht geschafft.

Medizinisch ist eine Impfpflicht nicht zu begründen, rechtlich ist sie fragwürdig und ethisch bedenklich. Eines solchen inakzeptablen Übergriffes durch einen vormundschaftlichen Staat bedarf es nicht. Vielmehr notwendig wäre eine bessere Organisation des Impfens, um die Durchimpfungsrate für die zweite Masernimpfung zu verbessern und ältere Ungeimpfte zu erreichen.

Dr. med. Ilja Karl, impfender Hausarzt aus Kalbe

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