Leserbrief

„Das macht mich so wütend“

Hermann Paschke aus Klietz zur angeregten Bürgerbefragung in Sachen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Stendal: 

Was Herr Güssau und Co. mit ihrem Vorschlag einer beantragten Bürgerbefragung zur Erstaufnahmestelle Stendal derzeit abziehen, ist unverantwortlich und es macht mich so unglaublich wütend. Aber noch mehr beunruhigt mich, dass die CDU insgesamt dazu keine klaren Worte findet. Mit diesen Aktivitäten gefährden sie, allen voran Herr Güssau, den sozialen Frieden. Ich fühle mich kompetent, darüber zu urteilen.

Im September 2015, es war an einem Freitag, erfuhr ich, dass am nächsten Tag in Klietz hunderte Flüchtlinge eintreffen. Niemand war zuvor informiert, es gab keine vorbereitete Logistik, kein soziales Beratungsnetzwerk, keine Erfahrungen. Mitten im Dorf, das alles andere als eine intakte Infrastruktur für eine solche Herausforderung hatte, kamen sozusagen über Nacht über 750 Flüchtlinge in unser kleines Dorf. Wie als politischer Verantwortungsträger damit umgehen? Man beantwortet diese Frage auf dem Fundament seiner Grundüberzeugung. Als ich zwei Tage nach Eintreffen der Flüchtlinge ein Pressegespräch anberaumte, wurde ich gefragt: Herr Bürgermeister, sind Ihnen die Flüchtlinge willkommen? Ich antwortete: „Ja, sie sind willkommen, denn die Menschen brauchen erstmal dringend eine Bleibe.“ Eine Woche später organisierte ich eine Einwohnerversammlung. Seit der Wende war ein Saal nicht mehr so voll.

An diesem Abend konnten nicht alle Sorgen, Einstellungen, Ängste und Unsicherheiten zerstreut werden. Aber mitentscheidend ist die menschliche Courage von Verantwortungsträgern. Ja, und es gab auch Probleme und Schwierigkeiten, die nur durch eine enge Kommunikation der Verantwortlichen beseitigt oder zumindest weitgehend eingeschränkt wurden. Aber zu keinem Zeitpunkt war der soziale Frieden gestört und zu keinem Zeitpunkt gab es nennenswerte Vorkommnisse, bis zum heutigen Tag. Nochmals Dank an die Klietzer! Das Verhältnis zwischen Einwohnern und Flüchtlingen betrug über Monate 1:1 für das Kerndorf. Dank an das DRK, die Kirche und viele Engagierte. Die Moral von der Geschichte? Den sozialen Frieden stören die Flüchtlinge nicht. Der soziale Frieden wird durch die Spaltung zwischen Arm und Reich in Deutschland und der Welt gestört oder zerstört. Der soziale Frieden wird von Scharfmachern wie Herrn Güssau gestört.

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