Kathrin Ludwig hat hinter die Zirkuskulissen geblickt und ist erschüttert

„Ich schäme mich für meine Stadt“

Kathrin Ludwig aus Stendal hat hinter die Zirkuskulissen geblickt und schämt sich:.

Lesermeinung

Da ich kein Freund großer Feste bin und meine Lärmtoleranz auch eher niedrig ist, verbrachte ich mein Wochenende nicht in der Innenstadt beim Rolandfest, sondern am Hintereingang des Zirkus am Rande unserer Stadt. Ich verfolgte das Geschehen hinter den Kulissen um die beiden Nachmittagsvorstellungen herum. Wobei es ein „hinter“ eigentlich nicht gab, denn die wie Käfige anmutenden Boxen für die acht Pferde und vier Zwergponys befanden sich unmittelbar neben dem Fußgängerweg, etwa fünf Meter neben der relativ stark befahrenen Straße.

Die Pferde wurden zu ihren Auftritten eilig und routiniert aus den Boxen geholt. Mich hat der Wechsel aus Stimmungsmusik und hartem Beat vom zehn Meter entfernten Auto fast rasend gemacht. Wie mag sich das für geräuschsensible Pferde anfühlen?

Zu etwas leiserer und orientalisch klingender Musik hatten dann vier der acht großen Kamele ihren Auftritt. Auch ohne jede Hektik meisterten die Mitarbeiter den Ausbruch eines Kamelkindes aus der Absperrung, das wohl nicht verkraftete, dass seine Mutter von ihm getrennt wurde. Es rannte panisch Richtung Hintereingang.

Wie ich bei meinem Kamelbesuch am Sonntag feststellte, wurden die Kamelkinder noch gesäugt. Zum Glück ging alles gut, das Kameljunge konnte eingefangen werden und seine Mutter trabte nach ihrem nicht allzu langen Auftritt zu ihrem Kind zurück.

Die Pferde in ihren von allen Seiten zugänglichen und für mein Empfinden zu engen Käfigboxen mussten die ganze Zeit ertragen, dass vorübergehende Kinder sie zum Teil anschrien, mit Stöcken an die Metallstangen schlugen usw. Es gab auch Mädchen, die Zweige von den Bäumen rupften und sie den dankbaren Tieren hinhielten ...

Nach beiden Nachmittagsveranstaltungen verließen erstaunlich wenige Menschen, ungefähr 20, durchweg Eltern oder Großeltern mit kleineren Kindern, das Zelt.

Ich will hoffen, dass die Pferde ihre Boxen auch einmal ohne Auftrittsstress verlassen durften. Glauben kann ich das nicht.

Ich schäme mich. Ich schäme mich auch für meine Stadt und mein Land, die so etwas noch erlauben. Selbst in Griechenland und sogar Indien gibt es keine Tiere mehr im Zirkus.

Acht Pferde, vier Zwergponys, acht Kamele mit vier Kamelkindern verlassen nun unsere Stadt. Einen der beiden Transportanhänger bin ich abgeschritten. Fünfzehn Schritte habe ich gezählt und sechs kleine Lüftungsfenster.

Leserbriefe geben die Meinung des Verfassers wieder. Anonyme Briefe werden nicht veröffentlicht. Kürzungen behält sich die Redaktion vor.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.