Torsten Haarseim hofft auf namentliche Kreuze

„Ein kleines Stück Würde zurückgeben“

Zur Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibbe schreibt uns Torsten Haarseim aus Gardelegen, Mitglied im Gedenkstätten-Förderverein und Autor des Buches „Gardelegen Holocaust“:.

„Sehr geehrte Mitglieder des Stadtrates der Hansestadt Gardelegen,

als Bürger unserer Stadt habe ich mich mit der Geschichte des Massakers in der Feldscheune Isenschnibbe beschäftigt. Wenige Stunden vor dem Eintreffen der amerikanischen Soldaten wurden hier über 1000 KZ-Häftlinge bestialisch ermordet. Sie verbrannten, wurden erschossen, starben an Rauchvergiftung, wurden von Handgranaten und Panzerfäusten zerfetzt oder mit Spaten erschlagen. Auf dem Gräberfeld nahe der Feldscheune liegen ihre Leichen, begraben von den Bürgern der Stadt.

„Gardelegen“ wurde weltweit Sinnbild für eines der schlimmsten Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Amerikanische Zeitungen berichteten vom „Holocaust von Gardelegen“. Dieses in Gardelegen geprägte Wort Holocaust, es stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie Brandopfer, wurde später Synonym für den Völkermord an 5,6 bis 6,3 Millionen Juden.

Die Opfer von Gardelegen waren Häftlinge aus den Konzentrationslagern Dora Mittelbau bei Nordhausen und den Außenlagern sowie dem KZ Hannover-Stöcken. Als sie in die Lager kamen, wurden ihnen ihre Menschenwürde und ihre Namen genommen. Sie erhielten stattdessen Häftlingsnummern, mit denen sie sich bei Annäherung der Wachen zu melden hatten. Viele starben durch Hunger, Prügel und die Sklavenarbeit. Kurz vor dem Ende des Krieges wurden die Überlebenden auf die Todesmärsche, unter anderem nach Gardelegen, geschickt und bestialisch ermordet. Sie liegen noch heute auf dem Gräberfeld an der Feldscheune begraben, über ihnen die Kreuze und Davidsterne mit ihren Häftlingsnummern.

Wir können es nicht ungeschehen machen, können ihnen nicht ihr Leben zurückgeben. Aber vielleicht können wir ihnen ein kleines Stück ihrer Würde zurückgeben. Lassen sie uns die Häftlingsnummern der 305 identifizierten Opfer durch deren Namen auf den Kreuzen und Davidsternen ersetzen. Es ist eine kleine, aber wichtige Geste. Sie sind Menschen und Menschen haben Namen. Auf zwei der Kreuze sind bisher die Namen von Wilhelm Fentzling und Charles Quatresous ausgeschrieben. In naher Zukunft wird es ein Totenbuch mit den Namen der Opfer geben. Unabhängig davon gehören die Namen zu den Gräbern. Sicher müssen „Hürden“ dafür genommen werden, vielleicht muss die Denkmalbehörde, das Land Sachsen-Anhalt oder gar der amerikanische Botschafter um Zustimmung gebeten werden und es kostet auch ein paar Euro, aber was sind das für „Hürden“ im Vergleich zu den Qualen und Strapazen, die diese Menschen erleiden mussten? Als sie die Konzentrationslager betraten, zitternd und völlig entsetzt die ersten Prügel über sich ergehen ließen, wurde ihnen zur Veranschaulichung, dass ihr Leben als Mensch beendet war, der Name genommen…

Als Bürger der Stadt kann ich keinen Antrag in den Stadtrat einbringen. An meiner statt bitte ich die Mitglieder des Stadtrates darum, einen entsprechenden Stadtratsbeschluss zu fassen. Die Mahn- und Gedenkstätte Feldscheune Gardelegen wird in naher Zukunft in die Landesgedenkstättenstiftung des Landes Sachsen-Anhalt überführt. Aber lassen sie uns trotzdem nicht sagen: „Was geht es uns jetzt noch an?“ Wir trugen und wir tragen die Verantwortung. Uns Gardelegenern wurde bescheinigt, die Achtung der zivilisierten Welt verloren zu haben, nicht dem Land. Fassen sie den Stadtrats-Entschluss dazu! Egal wer ihn dann umsetzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare