Leserbrief

Deserteure flohen zwischen Güterzügen über die Gleise

Zu den beiden AZ-Artikeln über die Todesschüsse in der „Flora“ vor 50 Jahren (14. Dezember 2017 und 3. Januar 2018) kann der 92-jährige Günter Ludewigs aus Salzwedel mit seinen Erinnerungen an diesen Tag weiteres Licht ins Dunkle der damals streng geheim gehaltenen Ereignisse bringen:

Zu den Ereignissen damals in der „Flora“ selbst kann ich nicht viel sagen. Ich hatte am 23. Dezember 1967 Dienst als Aufsicht auf dem Güterbahnhof Salzwedel. Es war schon dunkel, als ich plötzlich viele russische Soldaten bemerkte. Sie standen und lagen um den Güterbahnhof herum. Ich sprach sie mit meinen wenigen Russisch-Kenntnissen an, erhielt aber keine Auskunft. Schließlich erfuhr ich von einem russischen Offizier, dass zwei Deserteure gesucht würden. Wir wurden um Aufmerksamkeit gebeten. Bald erfuhren wir jedoch, dass in der Flora geschossen worden sei.

Im Gleis 48 hatten wir einen Güterzug zusammengestellt. Ich ging mit dem Wagenmeister Ernst Walther am Gleis entlang. Er schlug mit seinem Hammer an die Bremsklötze. Wohl von diesem Geräusch aufgeschreckt, sprangen plötzlich zwei Männer aus einem leeren Güterwagen heraus und liefen in Richtung Stellwerk SO davon. Der Rangierbetrieb war im vollen Gange. So wurden sie nicht bemerkt.

Als ich nach Dienstschluss um 22 Uhr nach Hause fuhr, ich wohnte damals am Kleinen Stegel, standen auch dort russische Posten. Sie wurden von den Nachbarn mit heißen Getränken versorgt.

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