TV-Kritik

ZDF-Neo-Serie zur Corona-Krise ist eine schnelle Nummer – aber etwas zu albern

Drinnen - Im Internet sind alle gleich
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ZDF-Neo-Serie zur Corona-Krise „Drinnen - Im Internet sind alle gleich“: Charlotte (Lavinia Wilson) leidet unter virusbedingter Isolation.

Die ZDF-Neo-Serie zur Corona-Krise „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ ist beeindruckend aktuell – die Macher sind keine Unbekannten.

  • Alles ist derzeit von einem Thema dominiert: der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2*.
  • Drei Wochen nach Beginn der öffentlichen Einschränkungen startet ZDF Neo die erste Corona-Serie.
  • Hinter „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ stecken die Macher von Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale.

Selten wohl gab es derart viel zu berichten, hinterfragen, analysieren, kritisieren. Zugleich aber ist alles von einem Thema definiert, so dass es einen schlichtweg erschlägt und ermüdet. Und wenn man dann denkt, es sei eigentlich schon alles zur Covid-19 Pandemie gesagt, kommt drei Wochen nach Beginn der öffentlichen Einschränkungen – also so etwas wie dem „richtigen“ Beginn der Ausbreitung in Deutschland – schon die erste Corona-Serie auf ZDF Neo. Das ist zunächst mal beeindruckend, weil es wirklich schnell gegangen ist. 

Während alle sich noch fragen, ob Produzent Nico Hoffmann schon Autor*innen mit den ersten groß angelegten Kinodrehbüchern beauftragt hat, und vor allem, wer in zwei Jahren als Prof. Christian Drosten auf der Leinwand einen nervenaufreibenden Kampf gegen die Zeit austragen muss oder darf (mein Tipp: Mišel Matičević) ist ZDF Neo schon fertig. Wenig überraschend, dass dahinter die bildundtonfabrik steht, jene Firma, die schon Böhmermanns Neo Magazin und die – etwas überdrehte aber durchaus spaßige – Serie „How To Sell Drugs Online Fast“ produziert hat. Die btf, wie sie kurz genannt wird, scheint so etwas wie die Blaupause dafür zu sein, wie das immer wieder totgesagte Fernsehen vielleicht doch überleben kann, wenn es sich eben für neue und hybride Formen öffnet. 

TV-Kritik zu ZDF-Neo-Serie „Drinnen“ zur Corona-Krise: 15-teilige Comedy-Webserie

Aber worum geht’s denn überhaupt? „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“, ist der alberne Titel der 15-teiligen Webserie, denn natürlich sind im Internet genauso wenig alle gleich wie in der realen Welt. Charlotte (Lavinia Wilson) arbeitet bei einer Werbeagentur, hat einen Mann und zwei Kinder, ist aber in ihrem Leben gefangen und wollte alles umkrempeln, inklusive Scheidung und Kündigung – bis die Pandemie kam. Jetzt sitzt Charlotte im Home-Office, hat Angst, ihre Chefin angesteckt zu haben (oder umgekehrt); ihr Mann ist noch mit den Kindern in Brandenburg und sie überfordert. 

Was dann in diesen 10-minütigen Folgen passiert, die ausschließlich in Charlottes Wohnzimmer oder auf dem Desktop spielen (im Abspann auch der Hinweis, dass für die Produktion dieser Serie kein Mensch sein Haus verlassen musste – smart!), ist ein wenig ein Best-Of der Medienberichte der letzten Wochen. Home-Office, Tinder, Netflix-Empfehlungen, anstrengende Online-Meetings, Existenzängste. Nur um Klopapier und Nudeln ging es erstaunlicherweise (noch) nicht. 

TV-Kritik zu ZDF-Neo-Serie „Drinnen“ zur Corona-Krise: Werbefläche für Google, Tinder & co.

Vor allem aber ist „Drinnen“ auch eine Werbefläche für Firmen wie Google, Tinder u & co. Selbst ein wahnsinnig gewordener weinerlicher Pop-Sänger wird erwähnt, was man sich wirklich hätte sparen können (und der hier deshalb auch nicht beim Namen genannt wird). Ansonsten sind es etwas viele Klischees, die in recht wenig Zeit gesteckt werden: Die sture Elterngeneration, denen man die Pandemie erklären muss, die Schwester mit Meditationshintergrund (ein alter Kalauer von Bodo Bach) die noch auf Reisen im Dschungel sitzt Charlotte erklären will, dass sie sich entspannen soll, die ins Leere laufenden Tinder-Dates, der Vibrator von der Chefin: Alles etwas sehr überzeichnet und auch nicht ganz unvorhersehbar. 

Man kann „Drinnen“ im Grunde aber dennoch wenig vorwerfen, weil die Umstände und die irre Aktualität mit der hier produziert (und vor allem geschnitten) wird, kaum einen tiefergehenden Umgang zulassen. Und es sind sogar rote Fäden wie eine beste Freundin von Charlotte angelegt, der sie immer wieder Sprachnachrichten schickt, wenn sie nicht weiter weiß – dabei ist die möglicherweise verstorben (eine Reminiszenz an die erfolgreiche Serie Fleabag?). 

TV-Kritik zu ZDF-Neo-Serie „Drinnen“ zur Corona-Krise: Schnell und kreativ

Ob es jetzt so eine schnelle Nummer braucht, sei dahingestellt. Aber wenn Menschen sich in diesen Zeiten kreativ ausleben und davon im besten Falle noch die Miete zahlen können – warum nicht? 

Drinnen – Im Internet sind alle gleich. Werktags 20 Uhr in der ZDF-Mediathek, Dienstags 22:15 auf ZDF Neo (Wiederholungen der Woche)

Von David Segler

„The Mallorca Files“: Verbrecher jagen, wo andere Urlaub machen. In internationaler Koproduktion entstand auf den Balearen eine unterhaltsame Krimiserie mit einem britisch-deutschen Ermittlerteam.

Ein aktuelles Thema, problematisch verhandelt: „Deutscher“ ist eine krampfhaft gewollte Serie über den Rechtsruck der Gesellschaft – die es sich zu einfach macht.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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