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Der Song haut dir eine rein:
Bob Dylans „Philosophie des Liedermachens“

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Von: Johannes Löhr

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Elvis Presley steht Ende der Fünfzigerjahre in einem Schallplattenladen und betrachtet LPs
Elvis im Plattenladen: Historische Bilder wie das vom King of Rock’n’Roll machen auch optisch klar, dass „Die Philosophie des modernen Songs“ keine trockene Kost ist. ©  interTOPICS / Verlag C.H. Beck

Zehn Jahre hat er an dem Buch geschrieben - jetzt ist Bob Dylans „Philosophie des modernen Songs“ fertig. Wie zu erwarten, ist es keine theoretische Abhandlung geworden, sondern eine wortgewaltige Hommage an seine Kollegen und eine Liebeserklärung an die Musik seiner Jugend

Wenn Bob Dylan erklärt, warum die dramatische Western-Ballade „El Paso“ von Marty Robbins ein großartiger Song ist, klingt das so: „Das hier ist der Moloch, die Pyramide der Sphinx, die dunkle Kehrseite der Schönheit; zieht man ihr den Sockel weg, stürzt alles ein. Der auserwählte Cowboy, blutige Massenopfer, Juden des Holocaust, Christus im Tempel, Aztekenblut auf dem Altar. Der Song haut dich um, und noch bevor du wieder aufstehen kannst, haut er dir noch mal eine rein.“

Tja: Wer geglaubt haben sollte, ein Buch mit dem Titel „Philosophie des modernen Songs“ sei eine theoretische Abhandlung, das Proseminar Pop eines Liedermachermeisters und Literaturnobelpreisträgers, der darf sich beruhigen. Hier schreibt Dylan, der Musik-Fan. Alles, nur nicht fad – und allzu ernst nehmen darf man ihn bei aller Wortgewalt halt auch nicht.

Bob Dylan auf der Bühne
Bob Dylan auf der Bühne © Vi Khoa / dpa

Über sein Handwerkszeug gibt der mittlerweile 81-Jährige wie erwartet keine Auskunft – und auch, was einen guten Song für ihn ausmacht, bleibt wolkig: „Es geht um die Höhen und Tiefen des Lebens, um das, was es wirklich ist“, schreibt er zu „El Paso“. Und das ist sicherlich der kleinste gemeinsame Nenner von „Volare“ (Domenico Modugno), „London Calling“ (The Clash) und „Your cheating Heart“ (Hank Williams), die er nacheinander behandelt. Aber ein bisschen was findet man in dem Kaleidoskop aus 66 fast ausschließlich US-amerikanischen Songs dann doch heraus: Der Großteil stammt aus den Fünfzigerjahren, noch bevor Dylans eigene abenteuerliche Reise begann, in jener Lebenszeit, in der wir alle unsere formativen musikalischen Erlebnisse haben. Und: Die Songs erzählen Geschichten, mit denen sich Menschen identifizieren können. „Der Hörer weiß, dass diese Welt gar nicht existiert“, schreibt Dylan zu „Detroit City“ von Bobby Bare. „Es gibt keine Mutter, keinen lieben alten Vater, keine Schwester und keinen Bruder. Das Mädchen, von dem der Sänger träumt, ist längst mit einem Scheidungsanwalt verheiratet und hat drei Kinder.“ Es sei das Scheitern der Figur, das wir alle kennen.

„Dieser Song ist ein grinsender Totenschädel“

Der Autor widmet jedem Song zwei Betrachtungen – vorneweg eine assoziative, in der Dylan ihn umschreibt, weiterspinnt, seine Psychologie zu ergründen versucht – und das in einer waghalsigen Sprache, die allein schon Lust auf diese Lieder macht („In diesem Song ist das Feuer ausgegangen, und dein Leben ist hinüber“, „Wer bei dem Text nicht aufhorcht, liegt im Koma“, „Dieser Song ist ein grinsender Totenschädel.“).

Die zweite Betrachtung handelt von den zeitgeschichtlichen Hintergründen und ist nicht ganz so halluzinierend fabuliert, dafür weist sie Dylan als vielseitigen Kenner aus. So entlehnten The Fugs ihren Bandnamen dem Roman „Die Nackten und die Toten“ von Norman Mailer, der im Entstehungsjahr 1948 noch „fuck“ mit „fug“ ersetzen musste. Manchmal assoziiert Dylan auch hier frei, etwa, wenn er bei „Blue Suede Shoes“ auf Lenins rechte Hand Feliks Edmundowitsch Dzierzynski kommt, der, gefragt, wie viele Menschen seine Geheimpolizei Tscheka denn hingerichtet habe, vorschlug, die Schuhe der Toten zu zählen und die Zahl durch zwei zu teilen. Richtig skurril wird’s wenn Dylan im Zuge des Songs „Cheaper to keep her“ von Johnny Taylor ein Plädoyer auf die Vielehe hält.

Diesen Plauderton kennt man von Dylans „Theme Time Radio Hour“, der Sendung im Internet-Radio, in der er von 2006 bis 2009 in gut 100 Folgen Platten zu einem Thema auflegte und nebenbei mit seiner Raspelstimme Schnurren zum Besten gab. Einiges davon findet sich auch in dem Buch – etwa in der nostalgischen Bebilderung mit historischen Szenerien, Plakatmotiven und Bands oder in den Listen mit Song zu Themen wie „Cry“ und „Prayers“.

Dylan ordnet die Kollegen ein und skizziert treffsicher Popmusik-Spielarten

Vor allem aber outet sich Dylan als Fan und ordnet Kollegen mit großer Formulierungslust ein („Während Sinatra die römisch-katholische Kirche mehr oder weniger erfand, war Bobby Darin dort bloß Messdiener“) oder skizziert treffsicher Genres („Country sitzt sonntagmorgens in der Kirche, weil er Samstagnacht in einem schäbigen Hinterhof in eine Messerstecherei verwickelt war und die Kellnerin überreden wollte, sich untenrum freizumachen“). Kollegen wie Townes van Zandt, Ricky Nelson und Doc Pomus (dem das Buch gewidmet ist) zollt er großen Respekt – nicht als Erster unter Gleichen, sondern als Mann im selben Boot.

In seiner Nobelpreisrede hat Dylan sich vehement dagegen ausgesprochen, Songtexte losgelöst von der Musik zu betrachten. Und in diese Kerbe schlägt er auch in diesem sehr lesenswerten Buch: „Einige unserer Lieblingsplatten sind bestenfalls mittelmäßige Songs, aber sie sind irgendwie zum Leben erwacht, als das Band lief.“ Sei es durch ein Glucksen von Dean Martin, den Harmoniegesang der Temptations oder weil uns Sinatra auch mit einem „Moon/June“-Reim das Herz brechen kann. „Man kann weiterhin aus der Musik eine Wissenschaft machen wollen, aber in der Wissenschaft wird eins und eins immer zwei ergeben. Musik dagegen erklärt uns, wie alle Kunst, auch die Kunst der Liebe, dass eins plus eins unter optimalen Bedingungen drei ist.“

Hop Farm Festival 2012
Autor Bob Dylan © ddp

BOB DYLAN

„Die Philosophie des modernen Songs“, Verlag C.H. Beck, 352 Seiten, erscheint, von Wolfgang Niedecken gelesen, auch als Hörbuch.

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