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„John Lennon war erst mal stinkig“: Wie Klaus Voormann den Beatles ein LP-Cover entwarf

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Von: Johannes Löhr

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Klaus Voormann mit dem Cover der Beatles-LP „Revolver“ zu Hause in Tutzing
Klaus Voormann mit dem Cover der Beatles-LP „Revolver“ zu Hause in Tutzing. © Maximilian Voormann, Privat

An diesem Freitag erscheint das legendäre Album „Revolver“ der Beatles von 1966 in einem komplett neuen Mix. Eine Ikone der Popmusik - auch optisch. Das Cover der LP stammt von einem Mann, der heute am Starnberger See wohnt. Klaus Voormann (82) erinnert sich im Interview an revolutionäre Musik, John Lennon am Telefon und Paul McCartney auf dem Klo.

Reporter aus der ganzen Welt geben sich derzeit bei Klaus Voormann in Tutzing die Atelier-Klinke in die Hand. „N’bisschen viel für’n Rock-Opa“, sagt er schmunzelnd. Der 82-Jährige mit dem weißgrauen Don-Quichotte-Schopf hat so viel zu tun, weil der Pop-interessierte Teil der Menschheit ein Werk von ihm ziemlich gut kennt – und es mal wieder prominent in den Läden steht. Voormann gestaltete 1966 das Cover der LP „Revolver“ seiner Freunde aus Liverpool. Nun ist das Album aufwendig neu abgemischt und erweitert worden. Für uns erinnert sich der Mann, der die Beatles schon 1960 in Hamburg kennenlernte, wie „Revolver“ in sein Leben platzte und es seither verändert.

Wie hat Sie die Nachricht erreicht, dass Sie die neue Platte der berühmtesten Band der Welt gestalten sollen?

Ich lag in der Badewanne. Früher gab es keine Mobiltelefone, ich musste da erst mal raus. Meine damalige Frau hatte den Hörer abgenommen und sagte: „Da ist ein John dran.“ Ich sagte, keine Ahnung, was für ein John? Es war Lennon. Und er war gleich stinkig: „Hey Mann, kapierst du nicht? Wir hätten gern, dass du unser nächstes Cover machst. Du weißt doch, für uns, die kleine Pipifaxband Beatles, die kein Schwein kennt, anscheinend nicht mal unser Freund Klaus?“ Als ich nicht spontan eine Idee hatte, meinte er: „Komm morgen mal ins Studio und hör dir die Sachen an, dann wird dir schon was einfallen.“ Ich lebte damals in London...

Eine sehr lässige Herangehensweise – aber auch furchteinflößend, oder?

Zuerst ja. Weil ich keine Idee hatte. Aber ich fand es toll, dass sie mir nichts vorgeschrieben haben. Sie haben mich die Sachen anhören lassen und dann gesagt: Jetzt geh du mal schön nach Hause. Wir arbeiten hier noch ein paar Wochen dran, komm doch dann mal wieder vorbei.

Die Beatles, George Harrison (v. li.), Paul McCartney, John Lennon und im Hintergrund am Schlagzeug Ringo Starr, treten im Münchner Circus Krone-Bau auf
Die Beatles, George Harrison (v. li.), Paul McCartney, John Lennon und im Hintergrund am Schlagzeug Ringo Starr, treten im Münchner Circus Krone-Bau auf © Gerhard Rauchwetter / dpa

Sie kannten die Beatles noch aus Zeiten, als sie in Hamburger Kellerkneipen rauen Rock’n’Roll spielten. Wie wirkte das, was Sie da in Studio hörten, auf Sie?

Überwältigend. Zu der Zeit hatte ich ja schon mitgekriegt, wie sie Lieder schreiben. Bei den Filmarbeiten zu „A hard Day’s Night“ war ich dabei. Ich hatte auch bei George und Ringo an der Green Street gewohnt – hatte die Beatlemania also hautnah miterlebt. Aber das war etwas absolut Neues.

Was war das erste „Revolver“-Lied, das Sie hörten?

„Tomorrow never knows“. Ich fand es toll. Aber dann dachte ich: Was sollen all die Fans, die „I wanna hold your Hand“ gut fanden, davon halten? (Lacht.) Ein bisschen wehmütig war ich, weil ich sie als Liveband kennengelernt hatte und merkte: Was die Jungs hier aufnahmen, konnte man auf der Bühne kaum nachspielen.

Was hat das für Sie als Cover-Künstler bedeutet?

Mir wurde klar, es muss beides haben: Es muss avantgardistisch, surrealistisch sein, aber gleichzeitig auch die Fans mit ansprechen, die die alten Beatles wollten.

Klaus Voormann sitzt Ende der 60er-Jahre inmitten von Skizzen.
Klaus Voormann sitzt Ende der 60er-Jahre inmitten von Skizzen. © Privat

So kamen Sie auf die Collage?

Genau. Ich habe mich gefragt, was man mit den Beatles verbindet: die Pilzköpfe. Also war klar: Hauptsache, viele Haare sind drauf! Aber Fans wollen doch immer Fotos von ihren Helden sehen. Da kannst du noch so schön illustrieren. Also: Fotos. Und drittens hatte damals ja alles kunterbunt zu sein. Aber was die Jungs da aufnahmen, war revolutionär – das Cover musste also schwarz-weiß werden. Ich bin heute noch stolz, dass es funktioniert: dass es das, was auf der LP ist, transportiert.

Sie haben George Harrisons Augen nicht gezeichnet, sondern Fotos von ihnen eingeklebt. Es wirkt wie eine Maske.

Das war Zufall. Ich bin kein guter Porträtmaler – alle anderen hatte ich gut hinbekommen, nur Georges Gesicht nicht. Da habe ich das einfach mal versucht: eine Zeitschrift genommen, die Augen ausgenschnitten, eingeklebt – und dachte: Mensch, das sieht doch gut aus. Ich habe gehört: Es gibt Leute, die finden das unheimlich.

Wie haben die Beatles reagiert, als Sie ihnen den Entwurf gezeigt haben?

Heute ist es ja so, dass zig Leute von der Plattenfirma zusammenkommen und da reinquackeln. Bei mir war das nicht so. Meine vier Freunde saßen in der EMI-Kantine, sahen sich meine Skizzen an und sagten: klasse! Ich sagte: Euer Name muss da gar nicht draufstehen. Das fanden sie auch. Zu der Zeit wusste eh jeder, wo die neue Beatles-LP im Plattenladen stand. Nur Paul, wie er auf dem Klo sitzt – das Foto musste ich rausnehmen. Es befand sich oben links. Paul fand’s lustig. Aber Produzent George Martin hat ihm ins Gewissen geredet.

Der Name „Revolver“ spiegelt sich in dem Cover nicht wider – weil er noch nicht feststand?

Stimmt. Irgendwann rief mich John an und sagte ihn mir. Ich dachte erst an eine Pistole. Dann wurde mir klar: Das meint er ja gar nicht. Revolving heißt, es dreht sich. Alles ist ein Kreislauf: die Welt, das Leben, ein Plattenspieler.

Sie bekamen für das Cover den Grammy. Damals kannte man Sie aber als Musiker – Sie waren mit Manfred Mann sehr erfolgreich.

Ja. Ich hatte Grafikdesign studiert, aber ewig nichts gemacht. Ich musste mir für „Revolver“ erst mal Tinte und Stifte neu kaufen. Interessanterweise habe ich auch nach dem Erfolg des Covers kaum Grafiken gemacht, sondern weiter Musik.

Und das sehr erfolgreich! Sie haben für Lou Reed, Randy Newman, Harry Nilsson und auf den Solo-Alben der meisten Beatles Bass gespielt.

Und es hat Spaß gemacht! Das ist der Zwiespalt meines Lebens: Ich kann mich nur einer Sache auf einmal richtig widmen.

Klaus Voormann und Paul McCartney im Studio
Klaus Voormann und Paul McCartney im Studio. © Privat

Nervt es Sie, dass man Sie mitunter als „fünften Beatle“ bezeichnet und immer wieder auf diese Zeit anspricht?

Man muss dazu sagen: Ich bin kein Beates-Fan. Ich liebe ihre Musik, aber ich könnte nicht sagen, welche Farbe das Hemd von Paul hatte, als er dies oder jenes gemacht hat. Ich kenne die Menschen, ich hatte viele persönliche Erlebnisse mit ihnen. Aber ich war in den Sechzigern mit meinen eigenen Sachen beschäftigt.

Und heute? Haben Sie noch Kontakt zu den beiden lebenden Beatles?

Wenn Paul in Deutschland ist, ruft seine Firma an und fragt, ob ich vorbeikomme. Und wenn ich Ringo treffe, haben wir immer eine tolle Zeit. Wir könnten jeden Tag zusammen sein, das weiß ich. Aber die Herrschaften haben ihr Leben, und ich habe meines.

Sie haben für „Revolver“ ein Gehalt von 50 Pfund erhalten. Haben Sie sich manchmal gedacht, das hätte ruhig ein bisschen mehr sein dürfen?

Nein, es war ein Freundschaftsdienst. Die waren die berühmteste Band überhaupt und fragten mich, ob ich ihnen das Cover gestalte. Ich habe wahnsinniges Glück gehabt.

Das Gespräch führte Johannes Löhr.

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