Erstes Solo-Album von Peter Gabriels Gitarrist

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Peter Gabriel war einst Frontmann der Band Genesis. Als er seine Solo-Karriere startete, übernahm Schlagzeuger Phil Collins. Gabriels Gittarist David Rhodes plant nun seine eigene Solo-Karriere.

Berlin - David Rhodes kennt jeder. Zwar nicht vom Namen her, doch seine Gitarre hört man täglich. Der Gitarrist von Peter Gabriel bringt nun ein erstklassiges Solo-Album heraus.

Es ist nicht so, dass dieser Mann keinem Massenpublikum bekannt wäre. Mindestens einmal täglich kann man ihn irgendwo im Radio hören, sei es mit “Sledgehammer“, “Big Time“ oder “Red Rain“. Aber dieser Mann heißt nicht Peter Gabriel, sondern David Rhodes. Und er spielt bei genannten Songs nicht die erste Geige, sondern die Gitarre.

"Bittersweet" ist feinster Artrock

Nach drei Jahrzehnten als festes Mitglied in der Band des früheren Genesis-Impresarios hat Rhodes nun, mit 54 Jahren, sein erstes Soloalbum eingespielt. “Bittersweet“ bietet eine knappe Dreiviertelstunde feinsten Artrock, geschmackvoll inszeniert, nie überladen und immer mit dem Anspruch, bei aller Kunstfertigkeit das Element Pop nicht ganz zu vergessen.

Dass diese Mischung durchaus auch auf viele Stücke von Rhodes' Hauptarbeitgeber zutrifft, ist kein Zufall. Das gerade erschienene “Bittersweet“ offenbart, wie unentbehrlich die Arbeit des Gitarristen für den Sound der Gabriel-Platten war und ist. Den zehn Stücken des Debüts vorzuwerfen, sie klängen hier und da ein wenig nach den Meisterwerken “So“, “Us“ oder “Up“, ist also obsolet. Das eigentlich Interessante an “Bittersweet“ ist, dass Rhodes' Talente als Songwriter denen eines Peter Gabriel in nichts nachstehen.

Qualität schwankt - zwischen großartig und beeindruckend

Rein musikalisch sind die Kompositionen über jeden Zweifel erhaben - selbst wenn die Qualität der Songs ein wenig schwankt, dann doch immer zwischen großartig und beeindruckend. Den größten Unterschied zum unbestrittenen Meisterschreiber Gabriel mag man bei den Texten finden. Dort gelingt es Rhodes, sich von Freund, Vorbild und Bandleader zu emanzipieren und in knappen Zeilen bewegende Geschichten zu erzählen, für die andere ganze Booklets brauchen.

“Down By The River“ ist so ein Stück; es beschreibt den Weg einer jungen Frau, die sich voller Lebensfreude ihrer Armut stellt, bis sie ihren Mann in den Armen einer Anderen sieht. Wozu sie dieser kurze Augenblick treibt, wird in Strophe drei offenbart, und das plötzliche Verschwinden jeglicher Naivität hinterlässt beim Hörer das schlechte Gewissen, vorher nicht richtig aufgepasst zu haben. Das ist die hohe Schule.

Opulente Arrangements

“Bittersweet“ ist wie die meisten von Peter Gabriels Aufnahmen in den Real World Studios entstanden, und ein opulentes Studio ist es auch, wonach die Arrangements von David Rhodes verlangen. Stücke wie der hitverdächtige Opener “Reality Slips“ oder der finstere Ausreißer “Monster Monster“ sind ausproduziert um ein Vielfaches wirkungsvoller als auf der Bühne - dort bietet Rhodes seine Lieder in klassischer Drei-Mann-Besetzung an, ohne Stimmeffekte, ohne Keyboards, ohne Percussion.

Cooler Typ im Hawaii-Hemd

Er scheint ein netter Kerl zu sein, in seinen Birkenstocks, dem Hawaii-Hemd und den ausgewaschenen Jeans. Auf dem schlichten Cover der CD trägt er dann doch eine Lederjacke. Aber eigentlich hat Rhodes auch keine künstliche Coolness mehr nötig. Der Mann ist Handwerker, wenn er seine Gibson Les Paul und die unüberschaubare Effektleiste auf dem Bühnenboden wie in Trance bedient. Und hat er live erst einmal Tritt gefasst, überzeugt er auch als Sänger.

Keine Eile

Insgesamt 16 Jahre soll Rhodes an einigen Stücken auf “Bittersweet“ herumgeschraubt haben. Mag sein, dass er es einfach nicht eilig hatte mit einem Soloalbum. Geschadet hat es dem Zehnerpack jedenfalls nicht. Das Album aber nur als Überbrückungskredit bis zur nächsten Gabriel-Produktion zu sehen, würde “Bittersweet“ nicht gerecht. David Rhodes verlangt nichts von den Fans des gerade 60 gewordenen Großmeisters - aber er hat ihnen mit seinem Erstling einiges zu geben. Wenn auch nicht täglich irgendwo im Radio.

Von Thomas Bleskin, dpa

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