Bildungssegel sind auf Kurs

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Turbo-Abitur in NRW

Niedersachsens Schulsystem belegt bei der aktuellen PISA-Studie nur das Mittelfeld – holt aber in einigen Bereichen stark auf. Das Kultusministerium sieht sich daher in seinem Reformkurs bestätigt.

Das Schulgesetz sieht eine Abkehr vom Turbo-Abitur vor und erlaubt verschiedene Arten von Gesamtschulen – was Eltern jetzt wissen müssen. Und ob freie Schulen eine Alternative sind.

„An deutschen Schulen muss sich viel ändern“, schreibt das Kultusministerium in Niedersachsen auf seiner Webseite. Das stimmt. Bei der internationalen Schulleistungsstudie PISA der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), bei der 15-jährige Schüler in den Bereichen Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften aus 70 Nationen teilnehmen, lagen deutsche Schüler zwar in allen drei Bereichen leicht über dem OECD-Durchschnitt. Der Abstand zu den PISA-Spitzenreitern in Asien wie Singapur und Europa wie Finnland bleibt aber weiterhin groß.

Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) sieht sich dennoch auf dem richtigen Weg. Die Reformpläne des Bundeslandes würden durch die Pisa-Studie bestätigt, heißt es aus dem Ministerium. Zwar liegt Niedersachsen im Bundesvergleich beispielsweise bei „Lesen im Fach Deutsch“ nur auf dem 14., bei „Orthografie Deutsch“ auf dem neunten und bei „Leseverstehen im Fach Englisch“ auf dem 13. Platz. Doch zuhören können Niedersachsens Neuntklässler: Beim „Hörverstehen Englisch“ liegen sie auf dem sechsten, beim „Zuhören Deutsch“ sogar auf dem vierten Platz.

Positive Entwicklungen gibt es in Niedersachsen auch bei der Chancengleichheit und beim Mobbing. Noch immer wird der Schulerfolg massiv durch die soziale Herkunft beeinflusst. Auch die aktuelle PISA-Studie zeigt wieder deutlich, dass Akademikerkinder höhere Chancen für den Besuch eines Gymnasiums haben als intelligente Facharbeiterkinder. Einzig in Niedersachsen und in Mecklenburg-Vorpommern sei es gelungen, die soziale Ungleichheit in den Bereichen Lesen und Rechtschreibung im Fach Deutsch zu reduzieren. Beim Mobbing ist ebenfalls ein leicht rückläufiger Trend feststellbar – allerdings werden in Niedersachsen noch immer fast 45 Prozent der Befragten gehänselt oder ausgeschlossen.

Das aktuelle und nicht unumstrittene niedersächsische Schulgesetz sieht vor, Gesamtschulen als ersetzende Schulform zuzulassen. Der Träger einer Gesamtschule muss also zukünftig weder Haupt-, Real- oder Oberschule noch ein Gymnasium vorhalten – dadurch soll die Chancengleichheit noch weiter erhöht und Mobbing verringert werden. Möglich sind entweder integrierte Gesamtschulen, bei der alle Schüler nach einem gemeinsamen Lehrplan unterrichtet werden. Oder kooperative Gesamtschulen, bei der Schüler zwar unter einem Dach unterrichtet werden, aber grundsätzlich in Haupt-, Real- und Gymnasialklassen getrennt sind.

Das Herzstück der Reformpläne von Kultusministerin Heiligenstadt ist das Abitur nach 13 Jahren. Niedersachsen kehrte 2015 als erstes Bundesland zum G9 zurück – beginnend mit der Jahrgangsstufe neun. Der letzte G8-Jahrgang wird seine Abiturprüfung also 2019 ablegen. Besonders leistungsstarke Schüler sollen aber weiter die Möglichkeit haben, schon nach zwölf Jahren das Abitur zu machen. Laut Ministerium profitieren von der Neuregelung neben Lehrern und Eltern durch weniger Wochenstunden, weniger Kurse und weniger Klausuren vor allem die Schüler.

Bisher herrscht in Deutschland beim G8/G9 ein ziemlicher Flickenteppich. Bayern plant zum Beispiel, Gymnasien die Rückkehr zum G9 freizustellen, Baden-Württemberg bleibt beim G8 – lässt aber Schulversuche mit G9 zu. In Berlin und Hamburg ist G8 die Regel. Eltern, die 13 Schuljahre bevorzugen, können ihre Kinder allerdings an integrierten Schulformen wie Stadtteilschulen anmelden. In Bremen hält man ebenfalls am G8 fest. An Oberschulen besteht jedoch die Möglichkeit, das Abitur in der G8- oder G9-Form abzulegen. An Bremer Waldorfschulen sind es ebenfalls neun Jahre.

Wer seine Kinder in puncto Weltanschauung, Religion oder Pädagogik anders erziehen möchte, kann sie also auf einer der über 100 allgemein- und berufsbildenden niedersächsischen Schulen in freier Trägerschaft mit zirka 36.000 Schülern anmelden. Dazu zählen die angesprochenen freien Waldorfschulen, konfessionelle Schulen oder Landerziehungsheime, die laut Selbstdarstellung der 1954 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen alle „gleichwertig, aber nicht gleichartig zu denen im staatlichen Schulwesen sind“. Da Gemeinden allerdings nicht verpflichtet sind, frei Schulen zu unterstützen, müssen viele bei den Eltern ein sogenanntes Schulgeld erheben. Das können 50 Euro im Monat sein – aber eben auch bis zu 5000 Euro pro Schuljahr.

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