Tatort-Kritik: Fall Kampusch stand Pate

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Machen eine grausige Entdeckung: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, r.) und Sigrid Malchus (Inka Friedrich).

Das Schicksal der Natascha Kampusch stand Pate beim aktuellen "Tatort", die Realitätsnähe sorgt über alle Raffinesse der Regie hinaus dafür, dass die Beklemmung nicht weichen will. Lesen Sie hier die Kritik zu "Schwarzer Tiger, weiße Löwen":

Es sind die (Kamera-)Blicke auf die Dorfstraße, auf Häuser und Landschaft, auf die Laube im Wald, die schnell spüren lassen, dass hier nichts so normal ist, wie es scheint. Regisseur Roland Suso Richter („Mogadischu“) erzeugt bei seiner ARD-„Tatort“-Premiere bereits in den ersten Minuten eine Spannung, die den Zuschauer bis zum Ende nicht mehr loslässt. Kein Wunder, denn „Schwarze Tiger, weiße Löwen“ konfrontiert kompromisslos mit den Abgründen, die sich hinter bürgerlichen Fassaden auftun können.

Ohne den Täter (außer in einer winzigen Szene am Anfang) zu zeigen, erzählt Richter von den Taten eines Monsters in Menschengestalt, eines Mannes, der sich aufblühendes Leben einfach nimmt wie ein Spielzeug und ihm anschließend jahrelang die Hölle auf Erden bereitet. Das Schicksal der Natascha Kampusch stand Pate bei diesem Fall, die Realitätsnähe sorgt über alle Raffinesse der Regie hinaus dafür, dass die Beklemmung nicht weichen will, vor allem nicht angesichts der Bilder aus dem Verlies.

Es ist ein Fall, der auf den ersten Blick gut zur Ermittlerin passt. Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) steht die Strenge gut, sie spart sich jede routinierte Jovialität und ist, soweit es die kriminalistische Arbeit betrifft, glaubwürdig – sieht man von ihrem unsensiblen Umgang mit der jugendlichen Rächerin (Janina Stopper) kurz vor Schluss einmal ab.

Und doch stößt Furtwängler an ihre Grenzen, nicht nur in der Konkurrenz zur großartigen Inka Friedrich als ihrer Kollegin. Unfreiwillig komisch, weil hoffnungslos überspielt, ist die Verknalltheit der Kommissarin, die als entspannendes Moment gedacht ist, jedoch über weite Strecken nur albern wirkt.

Wofür die Drehbuchautoren Ulrike Molsen und Eoin Moore nichts können, ist die Schnapsidee der Redaktion, der Kommissarin vor einiger Zeit ein Kind verpasst zu haben, das in „Schwarze Tiger, weiße Löwen“ einmal mehr sinnlos durch die Gegend kutschiert wird.

Rudolf Ogiermann

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