Zurück im Kaninchenbau: Alice im Wunderland

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Erwartungsgemäß großartig: Johnny Depp als verrückter Hutmacher in „Alice im Wunderland“.

Tim Burtons „Alice im Wunderland“ ist viel mehr als eine schlichte Neuverfilmung. Den großartigen Auftritt von Johnny Depp als verrückter Hutmacher sollte man nicht verpassen.

Was geschieht mit unseren Kindheitsträumen, wenn wir älter werden? Sie dunkeln ein, verwahrlosen, werden – sich selbst überlassen – schrullig. So jedenfalls sieht’s aus, als Alice (Mia Wasikowska), zur jungen Frau gereift, noch einmal dem Korsett der viktorianischen Gesellschaft entflieht und in ihr „Wunderland“ zurückkehrt.

Nein, diese „Alice“ ist keine schlichte Neuverfilmung – sie ist ein Remix der bekannten Geschichte, Motive, Figuren. Und auch wenn die Titelheldin nun schon kurz vor einer möglichen Ehe steht, auch wenn sich herausstellt, dass der wahre Name ihres Fantasiereichs „Unterland“ ist: Es geht nicht um eine neue Traum-Deutung aus Sicht einer postpubertären Alice. Es geht mehr um das Eigenleben, die Psychologie der seltsamen Bewohner dieses Lands. Und deren Wahnsinn hat eine merklich finsterere Note angenommen: Erwartungsgemäß großartig Johnny Depp als der „verrückte Hutmacher“ mit quecksilbergleichen Stimmungsschwankungen zwischen lispelndem Angstwimmerl und mit (im Original) schottischem Donnerbass auffahrendem Zornesgott.

Die wahre Sensation des Films aber: Helena Bonham Carters „Rote Königin“ – eine buchstäblich großkopferte Despotin, deren Herz sich nach Bewunderung sehnt. Aber weil sie die nicht in Form von Zuneigung bekommt, nimmt sie als Ersatz die Angst und die Arschkriecherei ihres Hofstaats: Armes Kleinvieh muss ihr als Mobiliar dienen, und damit sie mit ihrem überdimensionierten Schädel nicht als Freak erscheint, pappen ihre Vasallen sich falsche Deformationen an. Sie ist eine Bösewichtin, die man genausogut als wahre Heldin des Films sehen könnte – zumal hinreißend erkennbar wird, dass ihre angeblich „gute“ Schwester und Gegenspielerin (Anne Hathaway) auf ihre Weise mindestens ebenso gruselig ist.

Es ist so überraschend wie bezeichnend, dass es diese Charakteraspekte sind, die an dem Film am meisten begeistern: Man hätte von der Kombination Tim Burton und Lewis Carrolls episodisch-freifabuliertem Buchklassiker eigentlich vor allem einen Bildertrip erwartet. Zwar hatte Burton schon immer ein großes Herz gerade für seine Außenseiter-Figuren – weswegen ihn auch merklich Alice nur so lange interessiert, wie sie in der realen, viktorianischen Welt aneckt, kaum aber als Normalo im bizarren „Unterland“. Doch Burton hat das Wesentliche sonst eigentlich immer über’s visuelle Design erzählt. Der allgegenwärtige Computerzeichentrick von „Alice“ jedoch – respektvoll orientiert an den Ur-Illustrationen John Tenniels – erreicht nicht die Magie, Atmosphäre von Burtons Meisterwerken wie „Edward mit den Scherenhänden“, „Batman Returns“ oder „Sleepy Hollow“: Nicht nur ist das 3-D eine bestenfalls überflüssige Ablenkung – man wird das Gefühl nicht los, dass Burtons Visionen diesmal zu sehr gefiltert wurden durch eine Horde von Technikern, die keinen rechten Zugang zu seiner Traumwelt hatten.

von Thomas Willmann

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