Heute vor zehn Jahren fegte der Orkan Kyrill über den Nordkreis

Die Wucht der ersten Welle

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Feuerwehrleute in der Samtgemeinde Brome sägen einen Baum von der Straße, den der Sturm Kyrill gefällt hat.

Isenhagener Land. Es begann am späten Nachmittag mit einem Donnerschlag – dann waren die Feuerwehren im Dauereinsatz. Orkan Kyrill fegte heute vor zehn Jahren über den Gifhorner Nordkreis und entwurzelte dabei unzählige Bäume, manchmal auch gleich ganze Waldstücke.

Windstärke 10, örtlich 45 Liter Regen pro Quadratmeter, heftige Temperaturstürze: Das waren die Eckdaten eines der schwersten Stürme der letzten Jahrzehnte. IK-Wetterexperte Reinhard Zakrzewski sieht in dem Orkan vom 18. Januar 2007 zwar kein Jahrhundert-, doch aber ein „Jahrzehnt-Ereignis“.

Ziemlich abgedreht: Bei Dedelstorf liegt am Morgen des 19. Januar 2007 ein Strommast auf der Seite – samt Stromleitung. Mehrere Dörfer sind in der Sturmnacht für einige Stunden ohne Strom.

Das traf in der Braunschweiger Region vor allem das Bergland mit voller Wucht. „Die größten Schäden hatten wir hier im Harz“, erinnert sich Reiner Baumgart, Sprecher der Niedersächsischen Landesforsten. Im nördlichsten deutschen Mittelgebirge seien von Kyrill ganze Hänge entwurzelt worden. Baumgart war bei den Aufräumarbeiten hautnah dabei.

Ein Fall für die Wittinger Feuerwehr: Ein kapitaler Baum liegt quer über dem Hindenburgwall.

Doch auch im Flachland zeigte der Orkan seine Zähne. Vor allem im Nordkreis fielen während der „ersten Welle“ des Sturms zwischen 17 und 19 Uhr zahlreiche Bäume auf Straßen. Wichtigstes Utensil der Feuerwehren war die Motorsäge. Kreisweit wurden am Ende 300 Einsätze für die Sturmnacht bilanziert, 50 Wehren mussten ein oder mehrere Male ausrücken.

Am Ende hieß die Bilanz der örtlichen und regionalen Behörden: nochmal davongekommen. Mancher Wetterexperte hatte im Vorfeld schon befürchtet, Kyrill könnte in Niedersachsen genauso heftig ausfallen wie der legendäre Sturm Quimburga, der im November 1972 über Norddeutschland tobte. Und in der Tat: Vielerorts in Europa hatte man heute vor zehn Jahren bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 225 km/h weniger Glück: Insgesamt waren 47 Tote zu beklagen, davon 13 in Deutschland.

Der Morgen danach: „Land unter“ am Isebeck bei Wunderbüttel am 19. Januar 2007. Gleichzeitig kümmert sich ein Team der Straßenmeisterei um einen umgewehten Anhänger auf der B 4.

20 Verkehrsunfälle wurden im Landkreis Gifhorn im Zuge des Orkans registriert, die Polizei meldete aber keine gravierenden Personenschäden. 100 000 Euro Schaden entstanden, als ein Baum auf der B 4 unweit des Großen Kains auf einen Lkw fiel. Zwei Pkw und einige Gebäude wurden ebenfalls von Bäumen getroffen, Bei Vorhop verursachte ein umgestürzter Baum einen Verkehrsunfall.

Diverse Orte im Nordkreis waren wegen Kyrill zeitweilig ohne Strom – auch, weil der Sturm zwischen Dedelstorf und Lingwedel Strommasten wie Streichhölzer umknickte.

Gleichzeitig kümmert sich ein Team der Straßenmeisterei um einen umgewehten Anhänger auf der B 4.

Aus Sicht der Privatforst war Kyrill überregional ein größeres Thema als regional: 54 000 Hektar „Kalamitätsholz“ hatte das Forstamt Südheide laut Forstoberrat Eckard Klasen aufzuräumen. Aber einen bleibenderen Eindruck haben die Stürme von 2015 hinterlassen: Niklas am 31. März, Sommersturm Siegfried am 5. Juli und ein Gewittersturm südlich von Ummern im August haben damals zusammen 130 000 Festmeter im Forstamtgebiet gefällt.

Doch auch wenn es seit Jahren angesichts von noch heute nachhallenden Namen wie Kyrill, Xaver oder Lothar so scheint, als hätte die Orkantätigkeit über Mitteleuropa zugenommen – IK-Experte Zakrzewski kann diesen Eindruck objektiv nicht bestätigen: „Dass wir mehr Stürme haben, ist mit Daten nicht zu unterfüttern.“ Tendenziell gebe es zwar eine Zunahme, die sei aber eher auf dem Nordatlantik zu beobachten. Wegen der Erwärmung der Arktis sei im Prinzip auch zu erwarten, dass aufgrund der dadurch geringeren Temperaturgegensätze weniger Stürme entstehen.

In der Privat- wie in der Landesforst zeugen heute neun bis zehn Jahre junge Bestände von Kyrills Toben. Im Forstamt Südostheide ist es laut Klasen allerdings gerade einmal eine zweistellige Hektarzahl – bei 128 000 Hektar Gesamtfläche. Nochmal davongekommen.

Von Holger Boden

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