Erneuter Hilferuf: Strukturelle Unterstützung fehlt

Wittinger Tafel muss die Preise erhöhen

Das Tafel-Team bei der Ausgabe.
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Mitarbeiter der Wittinger Tafel bei der Ausgabe der Waren: Der Verein meldet finanzielle und personelle Sorgen und hofft nach wie vor auf neue Räume.
  • Holger Boden
    VonHolger Boden
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Wittingen – Sozialpolitik ist im neuen Berliner Ampel-Kabinett weitgehend SPD-Sache. Für den Wittinger Ableger der Sozialdemokraten gäbe es in der neuformierten Wittinger Stadtpolitik in dieser Hinsicht ebenfalls ein lohnendes Betätigungsfeld, das schon länger beackert werden will: Die Wittinger Tafel meldet einmal mehr Unterstützungsbedarf an, und die finanzielle Lage des Vereins bekommen nun auch die Tafel-Kunden zu spüren.

Ab dem 1. Januar gelten höhere Preise: Wer sich bei der Tafel versorgt, zahlt bisher pro Ausgabe und Einzelperson 2,50 Euro, künftig werden 3 Euro aufgerufen. Für zwei Personen werden 4 Euro fällig (vorher 3,50 Euro), drei Personen zahlen 5 Euro (4 Euro). Eine sechsköpfige Familie, die bislang für 5 Euro eingekauft hat, ist ab Januar mit 9 Euro dabei.

Es ist ein grauer Morgen über der Wittinger Innenstadt, Corona-Tristesse, und an der Ecke Kleine Wallstraße/Achterstraße stehen die, die auf die Regale der Tafel angewiesen sind, im kühlen Ostwind. Die Abstände in der Schlange haben sie seit Monaten verinnerlicht.

Tafel-Chefin Kerstin Gailliaert hat an diesem Vormittag keine Zeit für das Pressegespräch: „Ich muss die Kasse machen, mir sind heute drei Mann ausgefallen.“ Stattdessen nimmt sich Thomas Finnern die Zeit, über die aktuellen Probleme des Vereins zu sprechen. Der 64-Jährige hatte schon viele Funktionen im Vorstand, seit zwei Jahren hat er keine mehr, aber seine Hilfe bei Papierkram und Finanzen ist nach wie vor unersetzlich. „Ich bin ja eigentlich schon gar nicht mehr hier“, sagt Finnern mit einem müden Lächeln. „Wir bräuchten auch im Büro Unterstützung, aber wir finden keine.“

1230 Kunden müssen verwaltet werden, ehrenamtlich leistet die Tafel mit ihren insgesamt 25 Mitarbeitern einen Beitrag zum sozialen Frieden in diesem Land. Der Staat hält sich weitgehend raus, auch wenn er vor Wahlen in früheren Jahren immer mal wieder in Gestalt von Kandidaten vorbeigeschaut hat. Vor der Tür stehen etwa jeweils zur Hälfte Migranten und Deutsche. „Darunter“, so Finnern, „sind zunehmend Betagte, deren Rente nicht reicht.“

50 Cent mehr sind für viele Menschen nicht der Rede wert, für die Zielgruppe der Tafel ist das viel Geld. Nicht umsonst gibt es auch in Wittingen Menschen, die in Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen, um ihr karges Haushaltsgeld aufzubessern. Dass nun die Tafel-Preise erstmals seit 2013 erhöht werden müssen, sieht Finnern deshalb nicht gern – es bleibe aber keine andere Wahl, dann man steuere in ein strukturelles Minus: „Es wird schwierig, die Fixkosten zu decken. Wir gehen schon an unsere Reserven, das kann es auf Dauer nicht sein.“ Die seit 20 Monaten nötige Corona-Logistik kostet Geld, und aktuell musste viel in Fahrzeugreparaturen gesteckt werden. Die Tafel verfügt über zwei Kühlfahrzeuge und einen weiteren Transportwagen. Einer der beiden Kühltransporter muss nun ersetzt werden, eine große Spende dafür ist in Aussicht, wird aber nach Finnerns Kalkulationen allein nicht ausreichen. „Wir sind auf Spenden angewiesen, um die Reserven nicht leeren zu müssen.“

Finnern lobt ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit Supermärkten, Discountern und Landwirten aus der Region, die Lebensmittel für die Tafel zur Verfügung stellen. Mit Blick auf die Politik habe er jedoch das Gefühl, dass „wir immer noch das ungeliebte Kind sind“. Zwar habe es schon mal Sitzungsgeld der Ratsfraktionen als Spende gegeben, jedoch „bräuchten wir strukturelle Hilfe“.

Auch bei einem Thema, das nicht ad acta gelegt ist, nur weil länger keiner mehr darüber geredet hat. Die Räume der Tafel sind für die Zwecke des Vereins nicht optimal. Finnern sagt, man sei zwar dankbar, überhaupt zu einem moderaten Mietpreis untergekommen zu sein, aber eigentlich seien Verbesserungen und damit ein anderer Standort wünschenswert bis nötig: Es gibt nur ein WC, es gibt keinen richtigen Sozialraum für das Team, es gibt im Büro keine Fenster.

Neben Finanzen und Räumlichkeiten ist die personelle Ausstattung der Tafel eine weitere Baustelle für den Vorstand und seine Unterstützer. „25 Leute sind viel zu wenig“, sagt Finnern, es gebe schließlich vielfältige Aufgaben und man müsse auf Ausfälle reagieren können. Eine Situation, in der selbst die frühere Vorsitzende Laura Osterloh-Gailliaert sich immer wieder mal hinters Steuer eines Lebensmitteltransports setze. Wer sich also berufen fühle, bei der Ausgabe, bei Fahrten oder im Hintergrund mitzuhelfen, der könne sich unter (05831) 992816, (0177) 7025749 oder wittinger-tafel@t-online.de melden. Finnern betont: „Unsere Freiwilligen müssen nicht jeden Tag hier sein.“

Ein bisschen wehmütig blickt Finnern nach Gifhorn – die dortige Tafel erfahre nach seiner Wahrnehmung eine ganz andere gesellschaftliche und politische Wertschätzung. Für Wittingen will er die Hoffnung nicht aufgeben. Und ob aus der Stadtpolitik die Hilfe von der SPD kommt oder von anderer Seite, das wäre der Tafel egal.

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