Das Problem mit der Sprache

Wittinger Tafel fühlt sich bei Versorgung von Flüchtlingen allein gelassen

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Die Vorsitzende Laura Osterloh (M.) und ihre Helferinnen hoffen auf weitere Unterstützung.

Wittingen. Ein trüber Dezembertag in Wittingen. Hinter den Türen der Tafel an der Ecke Achterstraße/Kleine Wallstraße geht es geschäftig zu, die nachmittägliche Lebensmittelausgabe muss vorbereitet werden.

Ein stressiger Job, aber nicht nur deshalb ist hier zwischen Kisten voller Obst und Brot nicht viel von vorweihnachtlicher Freude zu spüren.

Die Vorsitzende Laura Osterloh und ihr Team fühlen sich bei der Versorgung von Flüchtlingen noch immer weitgehend allein gelassen. Zwei Hauptprobleme: die Sprachbarriere und die mangelnde Planungssicherheit. Darüber hinaus würde sich Osterloh nach wie vor weitere Helfer wünschen, um die Belastung auf mehr Schultern verteilen zu können. Zurzeit wird bis zum Anschlag gearbeitet, mitunter trotz gesundheitlicher Probleme.

„Wir müssen mit Händen und Füßen reden“, beschreibt Osterloh die Kommunikation mit einem großen Teil der Flüchtlinge, die zur Wittinger Tafel kommen. Dolmetscher werden händeringend gesucht, insbesondere für die Menschen aus dem arabischen Raum, die nun zunehmend auch im Nordkreis untergebracht sind. „Das bereitet uns die größten Schwierigkeiten“, sagt Osterloh mit Blick auf die Verständigung mit syrischen Flüchtlingen. „Da haben wir noch gar nichts.“ Englisch funktioniere manchmal, aber nicht in ausreichendem Maße.

So bleibt es für das Tafel-Team eine Schwierigkeit, allen Kunden zu erklären, dass es sich bei der Lebensmittel-Ausgabe nicht um einen Supermarkt mit Selbstbedienung handelt. Osterloh würde sich wünschen, dass solche grundlegenden Kenntnisse den geflüchteten Menschen schon in den Aufnahmestellen vermittelt werden. Vor allem für Neuankömmlinge sei die Orientierung sichtlich schwer.

Mehrere Anläufe, behördlicherseits Hilfe zu bekommen, hätten so gut wie kein Ergebnis gebracht, berichtet auch der ehemalige zweite Vorsitzende Thomas Finnern, der die Tafel noch immer nach Kräften unterstützt. Der Landkreis habe immerhin Merkblätter in verschiedenen Sprachen zur Verfügung gestellt, das sei auch sehr schnell gegangen. Ansonsten ist Improvisation gefragt. Zum Beispiel mit Hilfe von Flüchtlingen, die schon länger da sind, die schon etwas Deutsch sprechen. Doch oft mache dann wieder die Fluktuation einen Strich durch die Rechnung, erzählt Osterloh: „Zum Teil kommen die Asylbewerber, die beim Übersetzen helfen, dann plötzlich nicht mehr.“ Sie wisse von einigen Abschiebungen, allerdings sei die Information darüber meist erst sehr spät an die Tafel übermittelt worden. Das erschwere die Planung für die Ausgabe. Zurzeit beziffert Osterloh die Zahl der Flüchtlinge, die von der Wittinger Tafel versorgt werden, auf etwa 60. Diese kommen auch aus den Samtgemeinden Hankensbüttel und Brome, die Tendenz ist steigend. Angesichts der mit der Flüchtlingskrise verbundenen Herausforderungen für die ehrenamtlichen Akteure hat mittlerweile auch der Bundesverband der Tafeln die große Politik aufgefordert, Finanzierungshilfen zu gewährleisten, um projektbezogen Dolmetscher, Flüchtlingsbetreuer oder Integrationshelfer beschäftigen zu können. Doch auch ohne Flüchtlinge sei die Zahl der bedürftigen Tafel-Kunden in der Brauereistadt im Steigen begriffen, sagt Osterloh. Und sie betont, dass man über der Bewältigung der Flüchtlingssituation nicht diejenigen vergessen dürfe, die schon lange auf Unterstützung angewiesen seien. Insgesamt bezögen derzeit bis zu 700 Menschen aus fast 300 Familien Lebensmittel von der Wittinger Tafel. Finnern bestätigt: Altersarmut sei ein zunehmendes Problem im Nordkreis, doch es treffe auch viele junge Leute – und das mitunter trotz Arbeit. „Das liegt an den prekären Arbeitsverhältnissen, in denen viele stecken, Sie arbeiten, aber es reicht nicht zum Leben.“ Osterloh hat deshalb so ihre Probleme mit den offiziell glänzenden Arbeitslosenzahlen: „Wer prekär arbeitet, ist raus aus den Zahlen. Diese Statistiken sind für mich nicht in Ordnung.“

Von Holger Boden

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