Das neue Spiel der Kräfte

Wittinger Stadtrat besetzt mehrere Posten um – eine klare Mehrheit gibt es nicht mehr

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Neue Verhältnisse, die sich auch optisch widerspiegeln: Die Grünen (im Vordergrund Christian Schroeder, r., und Ralf Beyer) sitzen im Stadtrat jetzt nicht mehr inmitten der CDU (linke Seite), sondern an der Grenze zur FWG.

Wittingen – Was zunächst aussah wie ein sehr langer Abend, wurde schließlich nur ein langer Abend.

Dass die 29 Mitglieder des Wittinger Stadtrats am Donnerstag wieder und wieder aus dem Ratssaal zu einer Wahlkabine auf dem Flur marschieren mussten, löste unter den über 20 Zuhörern schon Galgenhumor aus, und mancher stellte sich die Frage, ob er vielleicht ein Butterbrot hätte mitnehmen sollen.

Am Ende waren dann nach zweieinhalb Stunden viele Personalien geklärt – und auf die zeitaufwändige Klärung vieler weiterer Personalien wurde verzichtet. .

Der Reihe nach: Nach dem Auseinanderbrechen von Schwarz-Grün hatten die Grünen eine Neukonstituierung des Rates beantragt. Grünen-Sprecher Christian Schroeder argumentierte, dass die Gruppe seinerzeit ein Personalpaket auf den Weg gebracht habe, das unter den neuen Umständen so nicht mehr zu halten sei. Unter anderem gab er selbst den Posten als dritter stellvertretender Bürgermeister zurück, den er mit Stimmen der CDU bekommen hatte. „Das entspricht meinem Demokratieverständnis.“

Dass durch den Antrag auch der Posten des Ratsvorsitzenden neu vergeben werden sollte, stieß dem bisherigen Amtsinhaber Walter Schulze (Knesebeck, CDU) sauer auf: „Ich bin bis 2021 gewählt, ich könnte höchstens abberufen werden. Aber was habe ich denn falsch gemacht?“ Dass sein Amt mit den geänderten Mehrheitsverhältnissen zu tun haben solle, fand Schulze „nicht stichhaltig“. Schroeder betonte, dass es nicht um Persönliches gehe, sondern ums Prinzip. CDU-Fraktionschef Uwe Hoppmann hatte vorher den Grünen vorgeworfen, die Gruppe „durch die Hintertür“ verlassen zu haben: „An mich wurden keine Unstimmigkeiten herangetragen.“

Schließlich stimmten 15 Ratsmitglieder für Schulzes Abwahl, 14 waren dagegen. Der CDU, die Schulze unterstützte, schloss sich hier neben Rathauschef Karl Ridder auch Dieter Meinecke (SPD) an.

Die FWG schlug Friedrich Lührs als neuen Sitzungsleiter vor, die CDU schickte Peter Lindwor ins Rennen. Lührs hatte am Ende knapp (15:13) die Nase vorn. Als erster Stellvertreter setzte sich Heinz-Ulrich Kabrodt (SPD) gegen den erneut nominierten Lindwor durch. Bei der Wahl zum zweiten Stellvertreter hatte Lindwor keinen Gegenkandidaten mehr und bekam 26 Stimmen.

Mal wieder Wahlen: Wilhelm Märtz bei der Stimmabgabe.

Die Wahlgänge waren davon getrübt, dass zwei Spaßvögel die geheime Wahl nutzten, ungültige Stimmen abzugeben. Dadurch fehlten im ersten Wahlgang wiederholt die erforderlichen absoluten Mehrheiten – und es ging ein zweites Mal auf den Flur. Ein Zuhörer stellte mehrfach lakonisch fest, dass die gebotene Unterhaltung sogar kostenlos sei.

Schneller ging es dann bei den Wahlen der stellvertretenden ehrenamtlichen Bürgermeister: Als ersten Stellvertreter schlug die SPD Jörg Bialas vor, der bekam prompt 28 Ja-Stimmen. Man schien sich im Vorfeld verständigt zu haben. Zweiter Stellvertreter wurde Joern Wolter mit 26 Ja-Stimmen. Bei der Wahl des dritten Stellvertreters wurde es wieder eng: Andrea Harms, von der FWG nominiert, bekam 13 Stimmen, CDU-Mann Walter Schulze (Knesebeck) erhielt 16.

Der Antrag, auch die Ausschüsse neu zu konstituieren, scheiterte am Veto von CDU und SPD. Tenor: kein Bedarf. Neu ist trotzdem: Ein Sitz pro Ausschuss fällt jetzt an die Grünen – von der einstigen schwarz-grünen Gestaltungsmehrheit von 5:3 sind den Christdemokraten inzwischen nur noch drei Sitze geblieben.

VON HOLGER BODEN

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