Entdeckt: Lyra schuf Komposition während seiner Zeit in der Schusterstadt

Wittinger Psalm-Vertonung

Wittingen. „Der Mai ist gekommen/ die Bäume schlagen aus. / Da bleibe, wer Lust hat/ mit Sorgen zu Haus. “ Ein echter Klassiker.

Aber wer weiß schon, was dieses Lied mit Wittingen zu tun hat? Der Text stammt von dem deutschen Lyriker Emanuel Geibel (1815 bis 1884) – und die Melodie hat sein Zeitgenosse Justus Wilhelm Lyra geschrieben, der von 1867 bis 1869 in Wittingen lebte. Was bisher unbekannt war: Lyra (1822 bis 1882) hat in seiner kurzen Wittinger Zeit ebenfalls komponiert und dabei ein geistliches Werk geschaffen.

Herausgefunden hat das der ehemalige Bürgermeister von Bad Bevensen, Knut Markuszewski. Er war kürzlich für einen Vortrag beim Frauen- und Männerkreis zu Gast in Wittingen – und bei der Vorbereitung seines Referates über Lyra stieß er auf den interessanten Eintrag im „Chronologischen Verzeichnis von Lyras Kompositionen“. Daraus geht hervor: Lyra schloss die kompositorische Arbeit für den „Psalm 62“ am 8. Juni 1869 ab.

Zu dieser Zeit war der damals 47-Jährige als „Pastor collaborator“ – also Hilfsgeistlicher – in Wittingen tätig. Die Partitur seiner Psalm-Vertonung wurde im Verlag Breitkopf und Härtel gedruckt, allerdings erst 17 Jahre nach dem Tod des Theologen.

Lyra, nach dem in Wittingen eine Straße benannt ist, ging im Oktober 1869 nach Bevensen, wo er „Pastor secundus“ wurde. Markuszewski befasst sich mit dem Leben des berühmten „Bürgers auf Zeit“ seit den 90er Jahren, der Kurort im Landkreis Uelzen hält das Andenken an Lyra auf seiner Homepage lebendig. 1877 ließ der Geistliche sich nach Gehrden bei Hannover versetzen.

Über Lyras Gemütsverfassung in seiner Wittinger Zeit ist nicht viel bekannt. Suchte er Zuflucht und Trost in den Worten, die er da vertonte? „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft; denn er ist mein Hort, meine Hilfe, mein Schutz, dass mich kein Fall stürzen wird, wie groß er sei.“ Der Beter des 62. Psalms fühlt sich bedroht, sieht sich von Lügen und Heuchelei umgeben. Und finanziell war Lyra wohl auch nicht auf Rosen gebettet: Laut Markuszewski hatte ein „Pastor collaborator“ ein Jahresgehalt von 400 Talern. Ein „Pastor primarius“, also ein „richtiger“ Pastor, verdiente 1300 Taler jährlich.

In Osnabrück, der Geburtsstadt Lyras, hat man sich vor knapp fünf Jahren einmal die Mühe gemacht, einige seiner Werke aufzuführen – nicht nur das berühmte Mai-Lied. Auch der Psalm 62 war darunter. Die Neue Osnabrücker Zeitung beschrieb das Stück als „schlicht und ruhig“, aber immerhin „farbiger“ als eine andere, ebenfalls aufgeführte Motette.

Bekannt ist, dass Lyra keine leichte Zeit gehabt hatte, als er nach Wittingen kam. Mit 19 Jahren hatte der musisch begabte Sohn eines Justizkanzlei-Registrators begonnen, Sprachwissenschaften zu studieren, sich dann aber für die Theologie entschieden. 1846 legte er seine erstes theologisches Examen ab.

In der Familie kam der Richtungswechsel nicht gut an. „Sein Vater hat mit aller Macht versucht, ihn davon abzubringen“, weiß Markuszewski. Den jungen Geistlichen, der seiner Überzeugung folgen wollte, nahm das alles körperlich und seelisch ungeheuer mit. Erst mit 40, fünf Jahre vor der Station Wittingen, absolvierte Lyra sein zweites theologisches Examen.

Seelisches Gleichgewicht fand der musikliebende Pastor dann wohl erst in Bevensen, wo er den Bund der Ehe schloss. Später, in Gehrden, wurde er endlich auch „Pastor primarius“. Da hatte er nur noch fünf Jahre.

Von Holger Boden

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